Die Mode, ein Narzisst zu sein

In letzter Zeit begegnet mir immer öfter eine recht sorglose Verwendung des Begriffs „Narzisst“ – in sozialen Netzwerken, Gesprächen oder Interviews. Da heißt es dann: „Der Narzisst hat mein Leben ruiniert“ oder „Mit solchen Narzissten kannst du nur verlieren“. Solche Aussagen stören mich. Nicht, weil narzisstisches Verhalten keine Herausforderungen mit sich bringt – sondern weil der Begriff inflationär und meist ohne genaues Wissen verwendet wird. Narzissten sind auch Menschen. Und wer jemanden so bezeichnet, sollte sich zumindest darüber im Klaren sein, was das überhaupt bedeutet. Denn eines ist sicher: Mit Etiketten um sich zu werfen, ersetzt kein Verständnis. Und auch keine Auseinandersetzung mit dem eigenen Anteil an einer Geschichte. Es wird Zeit, genauer hinzusehen.

Tatsächlich wird der Begriff „Narzissmus“ heute vielfach als pauschale Zuschreibung für egozentrisches, forderndes oder manipulatives Verhalten gebraucht. Doch psychologische Perspektiven zeichnen ein differenzierteres Bild. Der Psychologe Klaus Eidenschink weist in seinen Veröffentlichungen darauf hin, dass narzisstische Muster meist auf frühe Anpassungsleistungen zurückgehen – auf Versuche, sich als Kind Anerkennung und Zuwendung zu sichern, indem man Erwartungen erfüllt, statt eigene Bedürfnisse zu zeigen. Aus dieser inneren Spannung kann später das Bedürfnis entstehen, über äußere Bestätigung ein Gefühl von Wert zu erzeugen. Wer dann besonders selbstsicher auftritt, kämpft oft nicht mit Überheblichkeit, sondern mit einem tiefsitzenden Mangel an Selbstwertgefühl.

Auch die Psychologin Bärbel Wardetzki beschäftigt sich seit Jahren mit dem Phänomen. In ihrem Buch „Narzissmus, Verführung und Macht“ beschreibt sie, wie narzisstische Persönlichkeiten auf andere häufig faszinierend wirken – selbstbewusst, wortgewandt, überzeugend. Gerade Menschen mit einem sensibleren Selbstbild lassen sich davon beeindrucken und suchen Nähe, nicht selten in der Hoffnung, durch die Strahlkraft des Gegenübers selbst zu wachsen. Doch genau hier liegt die Gefahr: Denn in diesen Beziehungen fehlt es oft an echtem Kontakt. Was zu Beginn wie Stärke wirkt, entpuppt sich nicht selten als Schutzmechanismus – und die emotionale Tiefe bleibt auf der Strecke.

Die pauschale Bezeichnung „Narzisst“ verkennt diese komplexe Dynamik. Sie reduziert Menschen auf ein Etikett und suggeriert, dass es sich um ein feststehendes Persönlichkeitsmerkmal handelt – unausweichlich, unheilbar, destruktiv. Doch genau das ist zu kurz gedacht. Wer mit Menschen zu tun hat, die narzisstische Züge zeigen, braucht zweierlei: Klarheit über die eigenen Grenzen – und den Willen, nicht vorschnell zu urteilen. Denn der Unterschied zwischen einem schwierigen Menschen und einem klinisch relevanten narzisstischen Persönlichkeitsbild ist erheblich – und keineswegs durch ein paar Posts auf Instagram zu erkennen.

Vielleicht wäre es an der Zeit, etwas mehr Demut in diese Diskussion zu bringen. Nicht, um problematische Muster zu verharmlosen. Sondern um die Würde des Einzelnen zu bewahren – auch dann, wenn er uns wehtut. Menschen sind keine Schubladen. Und wer aufrichtig hinschaut, erkennt oft, dass unter der Fassade mehr steckt als nur der Wunsch, zu glänzen. Verständnis heißt nicht, alles zu entschuldigen. Aber es beginnt mit der Bereitschaft, hinzuhören, statt vorschnell zu verurteilen.

Wer also über „Narzissten“ spricht, sollte wissen, wovon er redet. Und manchmal auch: von wem.