Das Bein als Endgegner

Man denkt ja immer, ein Beinbruch sei so etwas wie ein medizinisches Ereignis. Unfall, Gips, Krücken, ein bisschen Netflix, Ende. Ein Kapitel, das man im Kalender abhakt wie „Zahnarzt, 11:30“.

Dann bricht man sich ein Bein – und merkt: Das ist kein Kapitel. Das ist ein Systemupdate. Und zwar eins, das niemand gefragt hat.

Plötzlich ist das Bein nicht einfach ein Bein. Es ist die zentrale Schaltstelle für alles, was im Leben stillschweigend funktioniert hat: Türen auf, Müll raus, Holz rein, Auto wegbringen, kurz zum Bäcker, einmal eben nach dem Rechten sehen. All diese „einmal eben“-Sachen, die im Alltag keine Bühne bekommen, weil sie niemanden interessieren – bis sie wegfallen.

Und dann fällt natürlich nicht nur das Bein aus.

Natürlich ist gleichzeitig ein Trauerfall in der Familie. Natürlich. Denn das Leben hat Humor, aber nicht diese freundliche Sorte, eher so: trocken, schwarz, mit einem Lächeln, das man nicht sehen will. Trauer braucht eigentlich Raum, Zeit, Stille. Sie braucht Hände, die tun dürfen, was sie tun: aufräumen, tragen, sich kümmern, sich ablenken, wieder zusammenbrechen, wieder weitermachen.

Nur: Man sitzt da. Und man merkt, wie absurd es ist, wenn der Körper gerade keine Mitarbeit anbietet. Als hätte jemand den Stecker gezogen und man müsste nun gefälligst „emotional arbeiten“, ohne die gewohnte Flucht in Bewegung. Trauer ohne Gang zum Friedhof, ohne Besuch, ohne „ich fahr schnell hin“. Trauer mit Krücken ist eine besonders gemeine Variante, weil sie einem jede Würde wegnimmt, die man sich sonst heimlich über Aktivität zusammenbaut.

Und während man noch versucht, überhaupt zu verstehen, dass ein Mensch weg ist, fällt einem ein: Das Auto ist auch im Eimer.

Natürlich.

Das Auto ist ja nicht nur Auto. Das Auto ist Freiheit, Versorgung, Logistik, Notfallplan. Das Auto ist der Unterschied zwischen „Ich kümmere mich“ und „Ich schreibe Nachrichten und hoffe, dass jemand antwortet“. Und wenn das Auto kaputt ist, fühlt sich der Beinbruch plötzlich an wie ein schlecht geschriebenes Escape-Room-Spiel: Man braucht Schlüssel A, um Tür B zu öffnen – aber Schlüssel A liegt hinter Treppe C, und Treppe C ist seit dem Beinbruch offiziell nicht mehr in Ihrem Tarif enthalten.

Und dann, als wäre es nicht schon ausreichend symbolisch, ist kein Holz mehr vor der Tür.

Kein Holz.

Oder fast schon ergänzend zu einer echten Symbolik für : Ein funktionierendes Auto mit Anhängerkupplung um das Holz abzuholen, denn mein Händler liefert nicht!

Dieser Satz – kein Holz- klingt harmlos, bis man ihn wirklich lebt. Kein Holz heißt: Kälte wird nicht nur Temperatur, sondern Stimmung. Kein Holz heißt: Man spürt plötzlich die Physik des Lebens. Man spürt, dass Wärme Arbeit ist. Dass Dinge nicht von alleine auftauchen, auch nicht in einem Haus, das man seit Jahren bewohnt. Dass ein paar Meter vom Holzstapel zur Tür eine Distanz sind, die man früher nicht mal gedacht hat – und die jetzt eine Grenze ist, wie eine Zollstation mitten im Flur: „Weiter nur mit funktionierendem Bein.“

Man sitzt also da und denkt: Gut. Dann eben Plan B.

Und hier kommt das Problem: Plan B ist in Wahrheit „Menschen“.

Plan B heißt fragen. Plan B heißt anrufen. Plan B heißt zugeben, dass man gerade nicht kann. Und das ist für viele schlimmer als Schmerzen. Nicht, weil man keine Menschen hat – sondern weil man sich selbst so lange beigebracht hat, dass man nicht zur Last fällt. Dass man sich „organisiert“. Dass man durchhält. Dass man irgendwie alles im Griff hat, solange man laufen kann.

Das Bein ist in dieser Geschichte nicht der Nebendarsteller. Es ist der Lautsprecher, der im ganzen Haus brüllt: Du bist nicht unabhängig. Du warst es nur in ruhigen Zeiten.

Und ja, man kann das dramatisch finden. Man kann aber auch kurz lachen, weil es so unverschämt stimmt.

Ich meine: Da liegt man, geschniegelt im Bett, mit Schmerzmitteln, mit einem Bein, das sich anfühlt wie ein Betonblock, und das Leben stellt sich daneben wie ein schlecht gelaunter Paketbote: „So. Hier einmal Trauer, einmal Auto kaputt, einmal Holz leer. Unterschrift bitte. Ach so, Sie können nicht aufstehen? Tja.“

Was tut man also?

Man macht – leider – das Einzige, was wirklich hilft. Man wird klein.

Nicht jämmerlich. Nicht rührselig. Sondern pragmatisch klein. Man reduziert. Man sortiert. Man lässt Dinge liegen, die liegen dürfen. Man streicht alles, was nur dem eigenen Anspruch dient, nicht dem Überleben.

Man fragt nach Hilfe, bevor man innerlich in die Wand fährt. Man verteilt Aufgaben, auch wenn es sich anfühlt wie Kontrollverlust. Man akzeptiert, dass Trauer nicht besser wird, nur weil man tapfer ist. Und dass Holz nicht auftaucht, nur weil man es sich „vornimmt“.

Und man wird radikal ehrlich mit dem, was gerade wirklich ist:

Heute ist nicht der Tag, an dem man „alles regelt“. Heute ist der Tag, an dem man den nächsten Schritt schafft, ohne sich selbst zu verlieren. Heute ist der Tag, an dem man nicht beweisen muss, dass man stark ist, sondern dass man noch da ist.

Das klingt jetzt fast vernünftig. Ich weiß. Widerlich.

Also sage ich es lieber so, wie es sich anfühlt:

Man überlebt den Tag nicht durch Heldentum, sondern durch kleine, schmutzige Kompromisse.

Man isst, was da ist. Man wärmt sich, wie es geht. Man nimmt Hilfe an, auch wenn man dabei aussieht wie das Gegenteil von glamourös. Man lässt das Auto im Eimer, bis jemand da ist, der es mit Eimerkompetenz anfassen kann. Man trauert in Pausen. Man trauert in Wellen. Man trauert manchmal auch im falschen Moment, zum Beispiel beim Blick auf die leere Holzecke, weil der Körper offenbar beschlossen hat, alles gleichzeitig zu verarbeiten.

Und irgendwann – nicht heute, nicht morgen, aber irgendwann – merkt man, dass dieses Bein nicht nur verhindert.

Es entlarvt.

Es zeigt einem, wie viel vom Alltag auf unsichtbarer Arbeit basiert. Wie viel davon an einem einzigen Körper hängt. Wie schnell „normal“ verschwindet. Und wie sehr man sich daran gewöhnt hat, alles selbst zu tragen – bis nichts mehr trägt, nicht mal man selbst.

Vielleicht ist das die eigentliche Zumutung: Dass man ausgerechnet in einer Phase, in der man Trost bräuchte, auch noch lernen muss, Hilfe auszuhalten.

Aber gut. Wenn das Leben schon unbedingt mit einem Beinbruch um die Ecke kommen muss, dann wenigstens als ehrlicher Spiegel.

Und falls heute niemand Holz vor die Tür legt, was niemand tun wird.

Dann ist es eben kalt.

Und man bleibt trotzdem hier.

Sechs Wochen Gas. Und dann? Politikversagen zum Raufdrehen

Man liest „Gas reicht nur noch sechs Wochen“ und soll bitte ruhig bleiben. Man soll auch ruhig bleiben, wenn im Auto „Ölstand kritisch“ blinkt. Das Auto fährt ja noch. Und genau das ist das Problem: „Fährt noch“ ist keine Strategie.

Ende Januar 2026 sind die deutschen Gasspeicher ungewöhnlich leer – grob um die mittleren 30 %. Daraus bastelt man diese „sechs Wochen“-Rechnung: Winterverbrauch gegen Speicherinhalt. Das ist kein Weltuntergangs-Countdown. Aber es ist ein ziemlich klares Warnsignal: Der Puffer ist dünn.

Und jetzt wird’s unerquicklich, weil man das nicht mehr mit Wetter wegwischen kann.

Der politische Kernfehler: Man hat den Sicherheitsabstand absichtlich kleiner gemacht

Man muss sich das einmal ohne Nebelmaschine anschauen:

Nach dem Schock 2022/23 hat man Speicherziele als Sicherheitsgurt eingeführt. Das war sinnvoll. Dann kam 2025 die Phase „Wir sind wieder entspannt“ – und die Ziele wurden gesenkt (je nach Speicher/Regelstufe auf Größenordnungen wie 70–80 % zum Start in die Heizsaison statt „so voll wie möglich“).

Das ist die Sorte Entscheidung, die auf dem Papier „Kosten sparen“ heißt und in der Praxis „Risiko nach hinten schieben“. Man spart nicht Geld – man spart Puffer. Und Puffer ist genau das, was man braucht, wenn:

der Winter kälter wird als geplant, der Weltmarkt dreht, LNG-Lieferungen teurer werden oder woanders hingehen, Infrastruktur/Timing nicht perfekt laufen, oder mehrere Dinge gleichzeitig passieren (was Krisen ja so sympathisch macht).

Wenn man gleichzeitig politisch auf Distanz zu russischem Gas geht und sich stärker auf den globalen LNG-Markt und europäische Flüsse verlässt, dann ist ein kleinerer Puffer keine „Normalisierung“. Das ist handwerklich schlechte Risikopolitik: Man macht sich abhängiger von einem nervösen Markt – und senkt die Reserve, die genau diese Nervosität abfedern soll.

Man kann das „optimistisch“ nennen. Oder realistischer: Politikversagen.

„Der Markt regelt“ – ja. Nur nicht zu deinen Gunsten.

Das Lieblingsargument lautet: Der Markt füllt Speicher schon, wenn es nötig ist.

Klar. Der Markt macht das, was sich lohnt. Wenn sich Auffüllen nicht lohnt, wird eben weniger aufgefüllt – bis es plötzlich doch nötig ist. Und dann wird’s nicht „geregelt“, dann wird’s teuer.

Das ist kein moralischer Vorwurf an „den Markt“. Das ist schlicht Mechanik. Wer Versorgungssicherheit will, baut eine Sicherung ein, die nicht davon abhängt, ob sich Vorsorge gerade „rechnet“. Und genau diese Sicherung hat man aufgeweicht.

Was heißt das realistisch für Heizung?

Erstmal die Panikfrage: Geht die Heizung kaputt, wenn weniger Gas kommt?

Nein. Das typische Problem ist nicht „kaputt“, sondern kalt oder teuer.

Gasnetze werden so betrieben, dass Druck stabil bleibt, so lange es geht. Wenn es wirklich kritisch würde, passiert das nicht in Form von „bei jedem kommt ein bisschen weniger“. Es gibt Prioritäten: Haushalte und kritische Einrichtungen werden möglichst geschont, größere Verbraucher sind eher steuerbar und werden zuerst gedrosselt.

Für man als Haushalt ist das realistische Szenario also:

Preisstress, Appelle, Unsicherheit – und im Extremfall Einschränkungen, aber nicht „Thermen sterben“, weil „weniger nachkommt“. Moderne Geräte gehen bei echten Versorgungsproblemen eher in Störung/Abschaltung, bevor sie Schaden nehmen. Nervig, ja. Totalschaden, normalerweise nein.

Und Stromanlagen? Blackout? Oder was?

Auch hier: Nicht Hollywood.

Gas hängt an Stromerzeugung (Gaskraftwerke) und in manchen Regionen an Fernwärme (KWK). Wenn Gas knapp oder brutal teuer wird, wird Gasstrom schneller zum Preistreiber. Dann steigt der Druck im System: Man muss anders disponieren, importieren, umschalten, drosseln. Das Netz „geht“ nicht einfach kaputt – aber es wird angespannter und teurer. Und Fernwärme kann regional ein Thema werden, wenn sie stark an gasbasierter Erzeugung hängt.

Das ist der realistische Teil: Nicht sofort dunkel – aber schneller ungemütlich.

Der böse Schluss, ohne Zuckerguss

Man kann über Putin, Boykott, Geopolitik und Moral diskutieren, bis man alt und gasfrei ist. Aber die nüchterne Rechnung bleibt:

Wenn man Risiken erhöht (Abhängigkeit vom Weltmarkt, Wetter, Lieferketten), dann erhöht man den Puffer. Man senkt ihn nicht.

Alles andere ist keine Energiepolitik.

Das ist ein Staat, der auf die Frage „Was ist der Plan?“ antwortet:

„Man wird schon irgendwie durchkommen.“

Und „irgendwie“ ist genau das Wort, das man ungern neben seiner Heizung stehen hat.

Krieg und Frieden

In meiner Heimatstadt gab es eine Bibliothek. Eine echte. Keine „Lese-Lounge“ mit Kaffeeduft und Achtsamkeitskissen, sondern Regale, Ruhe, und dieses Gefühl, dass man hier entweder schlauer wird – oder wenigstens still.

Ich war eingeschriebenes Mitglied. Mit Ausweis, Stempel, Ernsthaftigkeit. Und ich habe genau das gemacht, was Erwachsene Kindern immer predigen: Ich habe gelesen. Mich durch alles gefressen, was nach „Klassiker“ aussah. Kunstwälzer. Schinken. Bücher, die man nicht liest, sondern übersteht.

Mit fünfzehn war ich dann „aufgeklärt“. Nicht durch Aufklärungsunterricht mit Plakat und Glitzerkondom, sondern durch Anna Karenina und Krieg und Frieden. Tolstoi hat das für mich geregelt. Gründlich. Ohne Rücksicht auf Nerven.

Und jetzt mal ernsthaft: Wo war eigentlich die Altersgrenze?

Wo war der Moment, in dem jemand gesagt hätte: „Stop. Das ist ab 18. Dafür brauchen wir deinen Ausweis. Und eine Einverständniserklärung deiner Eltern, dass du emotional beschädigt werden darfst.“

Bei Filmen gibt’s FSK, bei Games Warnhinweise, bei allem möglichen eine Kennzeichnungspflicht. Aber bei Klassikern? Bei Büchern, in denen Menschen sich ruinieren, fremdgehen, sterben, sich moralisch zerlegen und nebenbei beweisen, dass das Leben selten so läuft, wie man es sich als Kind gedacht hat?

Da gab’s genau gar nichts.

Ich sehe mich noch am Tresen stehen: fünfzehn, motiviert, leicht größenwahnsinnig – und ich lege Krieg und Frieden hin. Dieses Ding machte nicht „Buch“, das machte WUMMS. Eher Möbelstück als Lektüre.

Die Bibliothekarin war eine nette kleine runde Frau. So eine, die nach Wärmflasche, Pfefferminztee und Ordnung im Kopf aussieht. Sie schaute auf den Stapel und sagte, völlig unbeeindruckt:

„Das ist aber dick!!!“

Das war’s. Das war die ganze Kontrolle. Kein „Bist du sicher?“ Kein „Das könnte dich verstören.“ Keine „Für dein Alter empfehle ich eher…“

Nur: Das ist aber dick.

Als wäre die einzige Gefahr an Tolstoi ein Bandscheibenvorfall.

Und natürlich ist genau das der Trick: Klassiker haben diesen Freifahrtschein. Sobald ein Buch alt genug ist, wird alles automatisch Bildung. Dann ist es nicht mehr „zu viel“, sondern „wertvoll“. Nicht „toxisch“, sondern „groß“. Nicht „verstörend“, sondern „zeitlos“.

Der Inhalt bleibt derselbe – nur das Etikett wird hübscher.

Vielleicht war das die eigentliche Freiheit damals: Ich durfte lesen, was ich wollte. Ohne Filter, ohne pädagogische Begleitmusik. Nur ich, der Text und dieses langsame, unangenehme Aha: Ach so. So sind Menschen also.

Tolstoi als Früherziehungs- Literaturprogramm.

Mit Stempel. Und einem freundlichen „Das ist aber dick!!!“.

Ich habe diese wichtigen Bücher irgendwo- nicht gerade versteckt, aber ich glaube meine Tochter hat die auch schon durch. Also Anna und Krieg und Frieden… sowas. Wenn es blutig sein darf: Der Medicus. Aber das war ihr dann zu langweilig. Simon Beckett ist gerade angesagt.

Aber andere Zeit, heutzutage.

Gips Teil Xy

Ich habe einen neuen. Einen sogenannten Gehgips. Aus Plastik und zum Auftreten. Mit Anpassung vom Chef-Orthopäden und Röntgenbildern, die mit Auftreten im Stehen gemacht wurden. Allerdings plagen mich Kopfschmerzen des Todes. Als Trostpflaster haben die Kids gekocht – Mamas Lieblingsessen: Vol-au-vent mit Fritten und Königinpastete, Bouchée à la reine. Das Vol-au-vent gibt’s von Lidl in Belgien im Glas. Das ist hier das Ravioli (ich hasse Ravioli) für Leute, die schnell kochen müssen. Lecker und ein Trostpflaster.

The Night Manager im O-Ton

Manchmal will ich einfach nur einen ernsthaften Film gucken. Und dann fängt die Sprach-Olympiade an.

Französisch: Ich kann es – aber im Film verstehe ich vor allem Gemurmel, Seufzen und „irgendwas mit Emotionen“. Deutsch wäre super, ist aber gefühlt nie verfügbar, wenn man’s mal braucht.

Also schalte ich auf Englisch. Nicht aus Weltläufigkeit, sondern weil ich da wenigstens mitbekomme, warum jemand schreit, wegrennt oder jemanden umbringt.

Und Niederländisch? Ich mag’s, wirklich. Aber bei ernsten Filmen ist es für mein Gehirn einfach zu lustig. Da kann der Plot noch so düster sein – ich höre trotzdem innerlich Fahrräder klingeln.

Kurz: Französisch zu neblig, Deutsch nicht da, Niederländisch zum Lachen – also Englisch. Pragmatismus siegt.

Aber sehr coole Folgen mit Dr.House Darsteller und leckerem Hauptdarsteller.

Harlan neben meinem Bett

Es gibt Autoren, die schreibt man auf eine Liste. „Mal lesen, wenn Zeit ist.“

Und dann gibt es Harlan Coben. Der schreibt dich auf eine Liste. „Schlaf wird überbewertet.“

Ich weiß nicht, wie er das macht, aber Coben hat dieses Talent, ganz normale Leben so aussehen zu lassen, als hätten sie irgendwo hinten im Abstellraum ein Geheimfach. Du startest harmlos: Familie, Job, ein bisschen Vergangenheit, bisschen Gegenwart, alles geschniegelt. Und dann kommt ein Satz, so unscheinbar wie ein Kassenbon im Mantel – und plötzlich stimmt gar nichts mehr. Nicht die Ehe. Nicht der beste Freund. Nicht die Erinnerung. Vor allem nicht die Erinnerung.

Was ich an ihm mag: Er übertreibt nicht. Er braucht kein dauerndes Blaulicht, keine pseudocoolen Ermittler, keine Großstadtromantik. Er nimmt den Alltag und dreht ihn so, dass du dich fragst, ob du deinen Nachbarn wirklich kennst – oder ob der nur gut grüßt. Coben kann Paranoia in Küchenlicht.

Und ja, er kann Tempo. Aber nicht dieses hektische „und dann und dann und dann“-Tempo, sondern Druck. Dieser Druck, der entsteht, wenn jemand in einem Gespräch eine halbe Sekunde zu spät antwortet. Wenn ein Detail nicht passt. Wenn ein Foto zu sauber ist. Wenn du merkst: Da hat jemand sein Leben nicht verloren – da hat es jemand ordentlich zusammengefaltet und in eine Schublade gelegt.

Seine Plots sind wie diese billigen Puzzle aus dem Discounter, die man unterschätzt. Erst denkt man: ach komm, krieg ich hin. Und zwei Stunden später sitzt man da, gereizt, fasziniert, und sieht plötzlich, dass ein Teil die ganze Zeit vor der Nase lag. Genau das ist sein Trick: Die Wendungen sind fies, aber nicht unfair. Du bist nicht betrogen – du bist nur kurz daran erinnert worden, dass du als Mensch sehr gern das glaubst, was bequem ist.

Und seine Figuren? Keine Superhelden, eher Leute mit „Ich hab alles im Griff“-Gesicht und „Ich hab gar nichts im Griff“-Innenleben. Die machen Fehler, weil sie Menschen sind. Und das ist der Punkt: Bei Coben ist das Böse nicht immer ein Monster. Manchmal ist es nur jemand, der zu lange geschwiegen hat. Oder jemand, der die Wahrheit „ein bisschen“ angepasst hat, bis sie sich anfühlt wie Wahrheit.

Wenn ich Coben lese, passiert jedes Mal dasselbe: Ich nehme mir vor, nur kurz reinzuschauen. Und dann sitze ich da wie eine erwachsene Person mit Selbstkontrolle von einem Goldfisch und denke: „Okay, noch ein Kapitel.“

Und dann ist es plötzlich 1:37 Uhr, der Tee ist kalt, und ich bin emotional mit einem Plot verheiratet, der mich nicht mal nett fragt.

Harlan Coben ist nicht einfach spannend. Er ist dieses spezielle Spannend, bei dem du dich gleichzeitig unterhalten und leicht persönlich angegriffen fühlst – weil du merkst, wie schnell ein „normales Leben“ kippen kann, wenn jemand an der richtigen Stelle dran zieht.

Und ja: Ich liebe das.

Lieferungen

Dringend benötigte Dinge von Amazon PRIME!

In Deutschland geht das so: bestellt- am nächsten Tag klingelt es!

Belgien: bestellt… zwei Tage später versendet. Benachrichtigung: Ihr Paket wird in den nächsten Tagen bei Ihnen mit Colis Post bei Ihnen eintreffen. Nach 2 weiteren Tagen: Livraison prévue aujourd’hui.

Dann eine WhatsApp von Colis- Post Mann Ali, dessen WhatsApp Bild einen durchtrainierten Mann mit sehr hübscher Frau am Meer zeigt: „Hey schöne Frau, ich fahre heute und morgen nicht mehr zu Dir, weil es schon Donnerstag ist! Komme aber nicht vor Mittwoch in das Dorf!“

???

Freitag feiert er schon Wochenende scheinbar, oder hängt in Spanischer Villa fest- wer weiß.

„Ich bringe es nächste Woche vorbei… Oder soll ich es Montag bei Computerladen hinlegen, da kannst Du es abholen?“

Ich: „Abholen? In 30 Kilometer Entfernung??? Ich habe gar kein Auto !“

Er: „Ok, stimmt! Ich bringen!“

Mittwoch dann, ich sitze hinterm Fenster habe überall Schilder angeklebt : Colis ici! Mit Pfeil zur Haustür …

Er ruft an: „Ola! Hier Ali, ich bringe dein Paket in Kiste auf deine Haus- Du warst nicht da! Bitte bewerte mich, ich bringe immer Dein Colis! ❤️“

No comment.

Danke Ali – aber das üben wir noch !

Tatsächlich er hat das Paket in die Kiste für unsere vollen Müllsäcke gelegt. Eine Woche nach Bestellung.

Ehrlich gesagt traue ich mich nicht mich zu beschweren, denn das habe ich einmal gemacht und prompt gesagt bekommen: „Madame, wenn sie hierher kommen für Beschwerde (ich war auf der Post) können sie hier nebenan doch gleich ihre Sachen kaufen !“

Belgische Logik zum Erhalt lokaler Einkaufsmöglichkeiten. Naja, es funktioniert.

Was wirklich funktioniert sind Behördenbriefe und Sachen von bol.be das ist das belgische Amazon und kommt gefühlt in Lichtgeschwindigkeit aus Antwerpen angeflitzt… das muss man erst einmal wissen!

Der Gips- Teil 2

Ich sitze im Bett, weil schon das kleinste Bewegen meines Gipsbeins zuverlässig zur schmerzhaften Grundsatzdiskussion führt. Also bleibe ich liegen. Aus reiner Vernunft – und weil Tramal allein keinen Heldenroman schreibt.

Nebenbei arbeite ich konsequent an der Beziehungspflege: Ich ärgere meinen Freund. Die Haustiere sind hingegen begeistert. Endlich bin ich einmal dauerhaft verfügbar, um Köpfe zu kraulen, ohne zwischendurch auf die Idee zu kommen, aufzustehen.

Zur Ablenkung laufen Thriller. Das ist fast stimmig: Im Fernseher wird gejagt, ermittelt und gerettet – und ich kämpfe derweil mit der gefährlichsten Gegnerin der Saison: der eigenen Position im Bett.

Wusstet ihr, dass es eine Inspektor Lynley- Serie gibt?

Trotz allem wandern die Gedanken schon zum nächsten Buch. Offenbar ist das mein inneres Parallelprogramm. „Das Sandalenbuch“ ist dabei erst der Anfang: der Startpunkt einer Reihe Mitohnesahne-Lifehacks – alltagstauglich, klar, ohne Predigtton. Achtsam, ja. Nett nur, wenn’s sich lohnt.

Ein kleiner Dämpfer aus dem Haushalt: Meine Tochter fand es nach Kapitel 2 zeitweise langweilig und erst ab Kapitel 4 wieder richtig interessant. Ich nehme das als ehrliches Lektorat. Kapitel 2 ist Fundament – ab 4 wird es spürbar schärfer, konkreter, besser.

Wer also ein Buch möchte, das nicht einlullt, sondern im entscheidenden Moment zwischen Reiz und Reaktion wieder Handlungsfähigkeit zurückgibt: Das Sandalenbuch. Es ist eine Art Kurs. Ab Kapitel 4 gern mit diesem Blick, der sagt: „Siehste.“

Wenn aus Schreiben ein Familienprojekt wird

Es gibt Momente, in denen ich mich frage: Warum mache ich das eigentlich? Warum setze ich mich Abend für Abend hin und hoffe, dass irgendwo da draußen jemand genau diese Geschichte lesen möchte?

Die Antwort sitzt meist am Küchentisch. Oder tippt hektisch auf dem Handy herum, weil der Führerschein sich schließlich nicht von alleine bezahlt.

Wenn die Familie zur Redaktion wird

Was als mein persönliches Projekt begann, ist längst eine Familienangelegenheit. Meine Tochter, die ich nur um eine “schnelle Meinung” bat, ist zur gnadenlosen Chefredakteurin mutiert. “Mama, das ergibt keinen Sinn”, “Diese Szene zieht sich” – ihre Kommentare sind präzise, manchmal schmerzhaft ehrlich, aber immer treffend. Und die Bilder, die sie beisteuert, hauchen den Geschichten visuell Leben ein.

Dann mein Sohn: offiziell Leiter der “Marketing-Abteilung”, inoffiziell ein junger Mann mit einem sehr konkreten Ziel – der Führerschein. Seine Motivation ist kristallklar. Social Media, von dem ich kaum etwas verstehe, ist sein Terrain. Er entwickelt Strategien, experimentiert mit Hashtags und erklärt mir geduldig, warum ein Reel besser funktioniert als ein Post.

Wenn alles anders kommt

Die Wahrheit ist: Ich verdiene kaum etwas mit dem Schreiben. Die Verkaufszahlen sind mager. Die Lesungen für Februar? Abgesagt. Die Vorträge? Verschoben. Und dann auch noch der Beinbruch. Ausgerechnet jetzt.

Mein Sohn schaut mich an: “Mama, wegen dem fehlenden Absatz wird das mit dem Führerschein wohl nichts, oder?” Und ich sitze hier, mit dem Gipsbein hochgelagert, und weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll.

Was wirklich zählt

Trotzdem: Die schönsten Momente entstehen nicht, wenn eine Bestellung reinkommt. Sie entstehen, wenn meine Tochter neben mir sitzt und Korrektur liest. Wenn mein Sohn seine Kampagnenideen präsentiert, als wären wir ein millionenschweres Unternehmen, auch wenn wir pro Buch nur 4 Euro verdienen… Werbung noch dazu.

Das Schreiben hat uns zusammengebracht. Auch in schwierigen Zeiten. Vielleicht gerade dann.

Falls ihr also gerade ein gutes Buch sucht… nur so als Idee. Ein Führerschein kostet eine Menge Geld, ein Beinbruch leider auch Zeit und Nerven, und mein Marketing-Chef und ich würden uns wirklich sehr freuen.


Manchmal sind es die kleinen Familienprojekte, die uns durchhalten lassen – auch wenn’s gerade nicht leicht ist.

Traumjob zu vergeben: Haushaltsfee mit Masochismus-Tendenz gesucht

Stellenanzeige der besonderen Art – oder: Wie man mit Gipsbein die totale Kontrolle verliert

Ihr Lieben, heute präsentiere ich euch eine einmalige Karrierechance. Ich suche nämlich – Trommelwirbel bitte – ein Mädchen für Alles. Ja, wie zu Großmutters Zeiten, nur dass Großmutter vermutlich wenigstens ein funktionierendes Haushaltsgeld hatte.

Die Ausgangslage (oder: Wenn Murphy’s Law persönlich wird)

Stellt euch vor: Ich liege hier dekorativ im Bett, ausgestattet mit einem frisch gegossenen Gipsbein. Old School natürlich, so richtig schwer und unpraktisch. Quasi wie eine moderne Skulptur, nur dass ich die unfreiwillige Künstlerin bin.

Der Haushalt läuft selbstverständlich weiter – nur ohne mich. Die Wäscheberge wachsen, der Kühlschrank leert sich, und irgendwo müffelt es verdächtig. Vermutlich der Biomüll. Oder meine Motivation.

Das Anforderungsprofil (oder: Gesucht wird Mary Poppins ohne Gehalt)

Die perfekte Kandidatin bringt mit:

Kochkünste: Idealerweise kannst du aus drei welken Karotten und einer Packung Nudeln ein Drei-Gänge-Menü zaubern. Sternekoch-Niveau wäre nett, Hauptsache essbar reicht aber auch.

Wäsche-Management: Du siehst einen Wäscheberg und denkst nicht an Flucht, sondern an Herausforderung.

Putz-Enthusiasmus: Chaos macht dir nichts aus. Im Gegenteil – du liebst es, Ordnung in hoffnungslose Fälle zu bringen.

Geduld: Mit gipsgebundenen, leicht gereizten Auftraggeberinnen, die vom Bett aus “hilfreiche” Tipps geben.

Das unschlagbare Gehaltspaket (oder: Luftschlösser sind auch eine Währung)

Kommen wir zum Highlight: der Vergütung!

Mein Dienstwagen befindet sich leider… ach, Moment. Ich habe gar keinen. Öffentliche Verkehrsmittel sind doch auch charmant, nicht wahr? Frische Luft! Bewegung! Abenteuer!

Bezüglich des Gehalts: Der eigentlich zuständige Sponsor (aka “der Ex”, “Herr Verschwunden”, oder wie ich ihn liebevoll nenne: “der Schlappschwanz”) hat beschlossen, dass Kommunikation und finanzielle Verpflichtungen überbewertet sind. Nummer gewechselt. Unerreichbar. Ghosting auf Profi-Niveau.

Aber ich biete: Unendliche Dankbarkeit! Gute Gespräche! Das warme Gefühl, jemandem wirklich geholfen zu haben! Das ist doch besser als schnödes Geld, oder?

Jetzt bewerben!

Also, wer hat Lust auf dieses einzigartige Abenteuer? Wer möchte mal so richtig gebraucht werden? Wer sagt schon nein zu unbezahlter Care-Arbeit mit Aussicht auf… äh… Erfüllung?

Ich warte hier. Im Bett. Bewegungsunfähig. Ohne Auto. Ohne zahlungswilligen Ex. Aber mit einer ordentlichen Portion Galgenhumor.

P.S.: Falls jemand meinen Ex findet – er ist vermutlich gerade dabei, “sich selbst zu finden”. Vielleicht findet er dabei ja auch sein Portemonnaie.


Bleibt beweglich, Leute – körperlich UND finanziell!

War übrigens mit dem Hund rennen. Glatteis ist ein ziemlicher Mist. Dem Hund geht’s aber gut.

Freie Menschen in einem freien Land

2026 : Die Liste des großen Verzichts

Glutenfrei
Laktosefrei
Zuckerfrei
Fleischfrei
Vegan
Alkoholfrei
Koffeinfrei
Nikotinfrei
Plastikfrei
Autofrei
Dieselfrei
Benzinfrei
Führerscheinfrei
Flugfrei
Smartphonefrei
Bildschirmfrei
Social-Media-frei
Genderfrei
Labelfrei
Milchfrei
Eifrei
Nussfrei
Sojafrei
Histaminfrei
FODMAPs-frei
Palmölfrei
Pestizidfrei
GMO-frei
Konventionsfrei
Verpackungsfrei
Papierfrei
Bargeldlos (aber auch bankenfrei)
Konsumfrei
Besitzfrei
Wohnungsfrei (Tiny House zählt nicht)
Kinderfrei
Beziehungsfrei
Monogamiefrei
Hierarchiefrei
Cheffrei
Bürofrei
Steuerfrei (wird angestrebt)
Impfstoff-… naja, lassen wir das
Masken-diskussionsfrei bitte
Meinungsfrei (außer zur eigenen Meinung)
Kritikfrei (die an mir)
Schuldfrei
Schamfrei
Filterfrei
Kompromissfrei

Noch Fragen? Ich würde sagen, dass viele Leute sehr sinnfrei sind- im Land der Freien !

Drew Morrik Skott- oder eine Buchreihe, wie eine Netflix Story

Jaaaa, es ist ein Buch für homosexuelle Leser*innen – und trotzdem (oder genau deshalb?) finde ich es richtig gut.

Weil gute Geschichten eben nicht fragen, wer sie liest, sondern nur, ob sie einen packen: Spannung, Nähe, Druck, dieses „nur noch ein Kapitel“-Gefühl. Und jetzt ist es auch nicht mehr nur Manuskript plus Cover-Screenshot, sondern ein echtes Buch, das man in der Hand hat. Das macht nochmal einen ganz anderen Stolz.

Für mich ist das ganz klar: perfekt für Januar, am besten mit heißem Wasser, Ruhe und Badewannenmodus.

Drew M. Morrik Skott sollte man auf dem Schirm haben – auch, wenn man selbst nicht zur „Zielgruppe“ gehört.

Band 1: After Black Ice

Link: https://amzn.eu/d/aIasjbk

Band 2: Behind Black Ice

Link: https://amzn.eu/d/bNwzVfU

Das Sandalenbuch- Achtsam aber nicht nett

Das Mitohnesahne- Lifehack- Buch

Es gibt Momente, da ist nicht das Thema das Problem – sondern das Tempo. Ein Satz, eine Nachricht, ein Blick, und plötzlich läuft der Autopilot: erklären, retten, nett sein, kontern, grübeln. Genau für diese winzigen, entscheidenden Sekunden habe ich dieses Buch geschrieben.

Es ist kein „alles wird gut“-Ratgeber und auch kein Wohlfühl-Programm. Es ist eher ein klarer Ablauf, den man im echten Leben nutzen kann, wenn’s eng wird: kurz stoppen, kurz Abstand gewinnen, dann sauber handeln – ohne sich selbst dabei zu verlieren. Praktisch, nüchtern, mit trockenem Humor an den Stellen, wo man sonst nur die Zähne zusammenbeißt.

Wofür das hilft? Für Situationen, in denen Ihr später denkt: Warum habe ich so reagiert? Für Grenzen, die man setzen will, ohne Drama. Für Stress, der einen schneller macht. Für Chats, Gespräche, Alltag – und alles, was harmlos aussieht, aber innen anknipst.

Wenn Ihr ein Buch sucht, das nicht belehrt, sondern Euch wieder ans Steuer bringt, dann findet Ihr es hier:
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Lächeln und Winken: Das Lieblingsprogramm der Ahnungslosen

Oder: Warum symbolische Solidarität unsere Gesellschaft in den Ruin treibt

Kennen Sie das? Da stehen Bauern mit ihren Traktoren auf der Straße, protestieren gegen Mercosur, und plötzlich sind alle solidarisch. Instagram-Stories mit grünen Herzen. „Ich stehe an eurer Seite!” Hashtags ohne Ende. Nur eine winzige Kleinigkeit fehlt: Das Verstehen, worum es eigentlich geht.

Willkommen in der Ära des professionellen Lächelns und Winkens – jener glorreichen Disziplin, in der man maximale Empörung mit minimalem Wissen kombiniert. Ein Programm, das wie geschaffen ist für Flachzangen und Hochstapler. Und nebenbei – ganz beiläufig – unsere Gesellschaft und Wirtschaft demontiert.

Die Kunst des qualifizierten Nichtwissens

Mercosur? Klar, irgendwas mit Handel und Südamerika. Schlecht für unsere Bauern, hat man gehört. Reicht doch, oder?

Falsch. Gewaltig falsch.

Denn während unsere landwirtschaftlichen Betriebe unter strengsten Umweltauflagen, Tierschutzstandards und bürokratischen Hürden produzieren – und nebenbei auch noch faire Löhne zahlen –, dürfen durch Mercosur Produkte auf unseren Markt, die unter Bedingungen entstanden sind, die wir hier zu Recht verboten haben. Massiver Pestizideinsatz? Check. Regenwald-Rodung? Kein Problem. Arbeitsrechte? Optional.

Aber hey, Hauptsache man hat mal nett gewunken und sich gut gefühlt. Mission Solidarität erfüllt, weiter zum nächsten Trend.

Erst verstehen, dann die Klappe aufmachen

Man kann nur für etwas einstehen, das man auch verstanden hat. Das ist keine Raketenwissenschaft, sondern simpler Anstand. Echte Grenzen setzen bedeutet nicht, irgendwo mitzuwinken, weil es gerade gut aussieht. Es bedeutet, sich die Mühe zu machen, Zusammenhänge zu durchdringen. Es bedeutet, unbequeme Fragen zu stellen. Es bedeutet, auch dann Position zu beziehen, wenn es nicht mehr trendig ist. Und es bedeutet vor allem, den Unterschied zu kennen zwischen echter Solidarität und Instagram-Aktivismus.

Aber das ist anstrengend. Das erfordert Lesen, Nachdenken, vielleicht sogar mal ein Gespräch mit einem echten Landwirt statt nur ein schnelles Selfie vor dessen Traktor.

Das Paradies der Hochstapler

Wissen Sie, wer sich über diese Kultur des oberflächlichen Beifalls am meisten freut? Hochstapler, Populisten und all jene, die von Ahnungslosigkeit profitieren.

Wenn niemand mehr fundiert widerspricht, wenn kritische Auseinandersetzung durch sympathisches Nicken ersetzt wird, dann haben wir ein Problem. Ein massives Problem. Denn dann können politische Entscheidungen durchgewunken werden, die bei genauerer Betrachtung katastrophal sind. Dann haben jene das Sagen, die am lautesten schreien – nicht die, die am besten argumentieren. Dann wird Bauchgefühl wichtiger als Faktenlage, und es gewinnt, wer am besten lächelt – nicht wer am meisten versteht.

Die Bauernproteste gegen Mercosur sind dabei nur ein Symptom. Ein besonders deutliches zwar, aber bei weitem nicht das einzige.

Wenn Solidarität zur hohlen Phrase wird

Echte Solidarität kostet etwas. Sie kostet Zeit, sie kostet Mühe, manchmal kostet sie auch Geld oder Komfort. Sie bedeutet, sich einzuarbeiten, Position zu beziehen und diese auch dann zu halten, wenn der Wind sich dreht.

Lächeln und Winken kostet nichts. Es ist die Discounter-Version von Engagement. Die Light-Variante von Zivilcourage. Der Instant-Kaffee unter den politischen Haltungen.

Und genau deshalb ist es so beliebt.

Aber während wir alle freundlich winken und uns gegenseitig versichern, wie toll wir alle sind, werden draußen echte Existenzen vernichtet. Bauernhöfe, die seit Generationen bestehen, geben auf. Nicht weil sie schlecht wirtschaften, sondern weil sie in einem System konkurrieren müssen, das ihnen mit der einen Hand Standards auferlegt und sie mit der anderen Hand gegen Billigkonkurrenz antreten lässt, die diese Standards ignorieren darf.

Die Rechnung kommt – garantiert

Hier die unbequeme Wahrheit: Eine Gesellschaft, die das fundierte Widersprechen verlernt hat, ist erledigt. Wirtschaftlich, politisch, kulturell.

Wenn wir uns daran gewöhnen, dass oberflächliches Verstehen ausreicht, dann treffen wir schlechte Entscheidungen – persönlich wie politisch. Dann fallen wir auf jeden Scharlatan rein, der halbwegs sympathisch rüberkommt. Dann verlieren wir die Fähigkeit, echte Probleme von gefühlten zu unterscheiden. Und dann geben wir unsere Zukunft in die Hände von Leuten, die gut performen – nicht gut denken.

Was tun? (Spoiler: Mehr als nur winken)

Die Lösung ist so einfach wie unbequem: Hört auf zu winken und fangt an zu verstehen.

Mercosur betrifft Sie? Dann lesen Sie das verdammte Abkommen. Oder zumindest eine fundierte Analyse davon. Sie wollen Bauern unterstützen? Dann kaufen Sie regional. Zahlen Sie faire Preise. Nicht nur wenn es gerade trendet. Sie haben eine Meinung? Großartig. Können Sie sie auch begründen? Ohne Youtube-Videos und Bauchgefühl?

Echtes Einstehen für sich und andere beginnt mit einem klaren Blick auf die Realität. Nicht mit einem Lächeln in die Kamera.


Die Bauern werden nicht durch Mercosur kaputtgemacht. Sie werden durch eine Gesellschaft kaputtgemacht, die zu bequem geworden ist, um noch echte Solidarität von performativer Betroffenheit zu unterscheiden.

Und wenn wir so weitermachen, werden wir bald alle merken: Lächeln und Winken macht nicht satt.

Schreibtischleben

Draußen fällt der Schnee in dichten Flocken, die Straßen sind glatt und die Welt hat sich in ein unwirtliches Grau gehüllt. Drinnen knistert das Feuer im Ofen, und ich sitze hier – im Schlafanzug, die Haare ungekämmt, in einem Schlabberlook, der jeden Dresscode verhöhnt. Seit Tagen. Der Computer wirft sein bläuliches Licht auf mein Gesicht, und ich schreibe.

Es gibt einen Moment, in dem man versteht, warum John Irving einmal sagte, er wolle am Schreibtisch sterben. Nicht aus Morbidität, sondern weil dieser Ort – dieser unscheinbare Platz zwischen Tastatur und Bildschirm – der Ort ist, an dem man am lebendigsten ist. Wo die Welt draußen versinken kann in Schnee und Eis und Unbehagen, während man selbst in anderen Welten wandelt, Sätze formt, Gedanken jagt, die flüchtiger sind als Schneeflocken.

Der Schreibtisch als letzter Zufluchtsort. Als Festung gegen die Kälte. Als das Zentrum des eigenen Universums.

Man verliert das Zeitgefühl. Ist es Tag? Nacht? Mittwoch oder Samstag? Es spielt keine Rolle. Die Dusche wird optional, frische Kleidung eine unnötige Komplikation. Man wird zu einer Kreatur der Gewohnheit: Kaffee, Schreiben, ein hastiger Bissen zu essen, wieder Schreiben. Die Welt schrumpft auf diese wenigen Quadratmeter am Ofen, wo die Wärme des Feuers und die Hitze der eigenen Konzentration verschmelzen.

Und man ist nicht allein in diesem wunderbaren Wahnsinn. Irving hat es getan. Viele andere haben es getan. Tagelang, wochenlang in den eigenen vier Wänden versunken, getrieben von etwas, das größer ist als Bequemlichkeit oder soziale Konventionen. Es ist dieser unstillbare Drang, die Geschichten aus dem Kopf auf die Seite zu bringen, bevor sie verblassen. Bevor der Zauber bricht.

Das Feuer knistert. Ein beruhigendes Geräusch, fast wie ein Herzschlag. Es erinnert daran, dass man lebt, auch wenn man sich wie ein Eremit verhält. Der Schnee draußen isoliert, aber er befreit auch. Niemand erwartet, dass man hinausgeht. Niemand klingelt unangemeldet. Die Welt hat einen eine Auszeit gegeben, und man nimmt sie dankbar an.

Im Schlabberlook vorm Computer zu sitzen ist keine Schande – es ist ein Privileg. Es ist die pure, ungefilterte Version des Schreibens. Ohne Maske, ohne Fassade. Nur man selbst und die Worte. Und vielleicht, nur vielleicht, versteht man in solchen Momenten, was Irving meinte. Nicht dass man sterben will – sondern dass man genau hier, an diesem Ort, wo die Finger über die Tasten tanzen und das Feuer im Ofen brennt, vollkommen und ganz man selbst ist.

Wenn der Schnee schmilzt und die Welt wieder hereinbricht, wird man zurückkehren müssen. Sich duschen, anständig kleiden, unter Menschen gehen. Aber bis dahin: noch eine Tasse Kaffee, noch ein Kapitel, noch eine Nacht am erleuchteten Bildschirm.

Der Schreibtisch steht am Ofen. Das Feuer knistert. Und draußen schneit es weiter.