Victor Hugo auf meinem Schreibtisch

Ich habe ihn im Vorbeigehen gesehen…und jetzt steht er hier – der große französische Dichter und Denker, in weißem Gips verewigt, mit seinem charakteristischen Vollbart und dem intensiven Blick. Die Büste passt perfekt auf meinen Schreibtisch, nicht zu groß, nicht zu klein. Sie findet ihren Platz zwischen Büchern, Notizen und der Tastatur, als wäre sie schon immer dort gewesen.

Warum gerade Victor Hugo?

Victor Hugo war nicht nur der Autor unsterblicher Werke wie Les Misérables und Der Glöckner von Notre-Dame. Er war ein Revolutionär des Wortes, ein Kämpfer für soziale Gerechtigkeit, ein Mann, der mit seiner Feder die Welt verändern wollte. Seine Worte hatten Gewicht, seine Geschichten berührten Herzen.

Wenn ich jetzt schreibe und manchmal nicht weiterkomme, fällt mein Blick auf diese Büste. Hugo erinnert mich daran, dass große Literatur nicht in einem Moment entsteht, sondern durch Ausdauer, Leidenschaft und den Mut, die Wahrheit zu sagen.

Ein stiller Mentor

Es mag kitschig klingen, aber diese kleine Skulptur ist mehr als Dekoration. Sie ist eine tägliche Erinnerung daran, warum ich schreibe. Hugo hatte nie Angst vor großen Themen, vor Emotion, vor der Auseinandersetzung mit den Ungerechtigkeiten seiner Zeit.

Auf meinem Schreibtisch passt er perfekt – zwischen dem Chaos der Kreativität und der Ordnung des Denkens. Ein stiller Begleiter, der mich anspornt, besser zu schreiben, tiefer zu denken, mutiger zu sein.

Manchmal sind es die kleinen Dinge, die den größten Unterschied machen. Diese Victor-Hugo-Büste hat ihren Platz auf meinem Schreibtisch gefunden – und damit auch in meinem kreativen Alltag. Sie inspiriert mich jeden Tag aufs Neue und erinnert mich daran, dass Worte die Macht haben, die Welt zu verändern.

“Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.” – Victor Hugo

Dellenheim Teil 2

Grenzgänger und andere Gefahren

Ein weiteres Grenzland-Noir-Stück aus dem Kapellenweg

Von Claire Rouvier

Ich wohne immer noch im Kapellenweg. Drei Monate später. Die Blumentöpfe sind weg, mein Glaube an die Menschheit auch. Dafür habe ich jetzt neue Nachbarn: Die Hackers. Mit ck, nicht mit Doppel-k. Das ist wichtig, sagt Frau Hacker, weil sie aus dem luxemburgischen Teil der Grenze stammt und das sei „kulturell signifikant“.

Herr Hacker pendelt. Jeden Tag. Nach Belgien. Um dort deutsche Autos zu verkaufen. An Franzosen. Das ist hier normal. Die Grenze macht aus jedem einen Opportunisten. Morgens um 5:47 Uhr startet sein Diesel. Immer um 5:47 Uhr. Nicht 5:45, nicht 5:50. Die Präzision eines Mannes, der sein Leben nach Tankstellenpreisen richtet.

Gestern kam Horst wieder. Diesmal mit dem Gemeinde-Rasenmäher. Er hat meinen Rasen gemäht. Ungefragt. Aber nur die Hälfte. „Die andere Hälfte gehört technisch gesehen zu Frankreich“, sagte er und zeigte auf eine imaginäre Linie quer durch meinen Garten. Ich habe nachgemessen. Mein Grundstück liegt komplett in Deutschland. Aber Horst hat seine eigene Kartografie. Eine, in der Blumentöpfe Anarchie bedeuten und halbe Rasenflächen internationale Diplomatie.

Der Bürgermeister Kaatz – immer noch mit tz – hat einen Newsletter gestartet. „Dellenheim Digital“ heißt das Ding. Letzte Woche stand drin: „Neue Hundekotbeutelspender am Friedhof installiert.“ Das war die Hauptnachricht. Die Nebennachricht: Der Friedhof ist seit 2019 geschlossen. Aber die Beutelspender stehen da. Für die Hunde, die es nicht gibt. Weil Haustiere in Dellenheim als „emotionale Abhängigkeit“ gelten.

Am Wochenende war Dorffest. Thema: „Grenzenlose Freundschaft“. Die Belgier kamen mit Bier, die Luxemburger mit Steuertipps, die Franzosen gar nicht. Wir Deutschen haben gegrillt. Horst hat die Würste gezählt. Zweimal. „Inventurkontrolle“, nannte er das. Am Ende fehlten drei Bratwürste. Verdächtigt wurde der französische Bürgermeister aus dem Nachbardorf. Der war aber gar nicht da. Trotzdem wurde ein Krisengespräch anberaumt.

Frau Hacker hat mir erklärt, dass das hier normal sei. „Grenzland-Paranoia“ nennt sie das. Jeder verdächtigt jeden, alle misstrauen allem, und am Ende trinken doch alle zusammen Schnaps aus Flaschen ohne Etiketten, die irgendwer irgendwo über irgendeine Grenze geschmuggelt hat.

Ich überlege umzuziehen. Nach Berlin vielleicht. Oder München. Irgendwohin, wo die Grenzen klar sind und niemand meinen Rasen aus geopolitischen Gründen nur zur Hälfte mäht. Aber dann denke ich an die Mieten dort und bleibe sitzen. Hier im Kapellenweg. Wo der Wahnsinn wenigstens billig ist.

Morgen kommt übrigens der Schornsteinfeger. Der kommt aus Belgien, kehrt aber nur deutsche Kamine. Die französischen macht sein Cousin. Der ist Deutscher, wohnt aber in Luxemburg. Verstehen muss man das nicht. Man muss es nur aushalten.

Endlich Montag.

Eure Claire Rouvier

P.S.: Horst hat heute Morgen meine Mülltonnen umgestellt. Farbcodiert nach EU-Verordnung, sagt er. Die schwarze Tonne steht jetzt bei den Hackers. Dafür habe ich ihre gelbe. Grenzland-Logik. Widerstand zwecklos.

Die Schreibmaschine

Es regnete in Strömen, als ich das Büro von Detective Ray Morrison betrat. Natürlich regnete es – in Geschichten wie dieser regnet es immer. Die Jalousien warfen Schatten wie Gefängnisgitter an die Wand, und der Whiskey auf seinem Schreibtisch war so klischeehaft positioniert, dass ich beinahe gelacht hätte. Beinahe.
“Sie müssen Evelyn Sharpe sein”, sagte Morrison, ohne von seinen Unterlagen aufzublicken. Seine Stimme klang wie Sandpaper auf Holz – rau, abgenutzt, perfekt für einen Mann, der zu viele Zigaretten geraucht und zu viele Enttäuschungen erlebt hatte.
“Die Schriftstellerin”, fügte er hinzu, als wäre das ein schmutziges Wort.
Ich setzte mich in den Stuhl vor seinem Schreibtisch und betrachtete ihn. Morrison war Mitte fünfzig, mit einem Gesicht wie eine zerknitterte Zeitung und Augen, die einmal blau gewesen sein mochten, bevor das Leben sie grau gefärbt hatte. Ein wandelndes Noir-Klischee.
“Sie haben einen interessanten Ruf, Miss Sharpe”, sagte er und blätterte durch eine Akte. “Krimis schreiben und dabei echte Verbrechen lösen. Sehr… postmodern.”
Ich zündete mir eine Zigarette an – weil man das in solchen Geschichten tut – und blies den Rauch in seine Richtung. “Kommen wir zur Sache, Detective. Sie haben gesagt, es gäbe einen Fall, der meine… besonderen Fähigkeiten erfordern würde.”
Morrison schob mir ein Foto über den Tisch. Ein Mann, Ende vierzig, lag tot in einem Büro. Neben ihm eine alte Schreibmaschine, aus der ein Blatt Papier ragte.
“Marcus Thornfield”, sagte Morrison. “Verleger. Gefunden in seinem Büro, ein Messerstich ins Herz. Das Interessante ist…” Er deutete auf das Papier in der Schreibmaschine. “Das da.”
Ich las die getippten Zeilen:
Der Mörder ist immer der Butler. Aber was, wenn es keinen Butler gibt? Dann wird es kompliziert. Sehr kompliziert. Die Wahrheit ist, dass in jeder Geschichte jemand sterben muss. Und manchmal…
Der Text brach mitten im Satz ab.
“Selbstmord?”, fragte ich, obwohl wir beide wussten, dass es das nicht war.
“Mit einem Messer in den Rücken? Eher unwahrscheinlich.” Morrison lehnte sich zurück. “Aber hier wird es seltsam. Thornfield war mit drei Autoren zerstritten. Alle Krimi-Schriftsteller. Alle hatten Motive.”
Er schob mir drei weitere Fotos hin.
“Daniel Creek. Schreibt Cosy Mysteries. Thornfield hat sein letztes Manuskript abgelehnt – zu vorhersagbar, hat er gesagt. Creek war wütend.”
Das Foto zeigte einen nervösen Mann mit Hornbrille und dünnem Haar. Sein Lächeln wirkte gezwungen, als hätte jemand ihn gebeten, für ein Fahndungsfoto zu posieren.
“Dann haben wir Samantha Vox. Hard-boiled Crime. Thornfield hat ihre Fortsetzungsreihe eingestellt. Zu gewalttätig für den Markt, behauptete er.”
Vox sah aus wie eine Frau, die ihre eigenen Bücher lebte – scharfe Züge, kalte Augen, eine Narbe am Kinn. Definitiv jemand, der wusste, wie man ein Messer führt.
“Und schließlich Professor William Ashworth. Schreibt intellektuelle Krimis mit verschachtelten Plots. Thornfield hat ihm Plagiat vorgeworfen.”
Ashworth wirkte wie der typische Elfenbeinturm-Akademiker – arrogant, überheblich, der Typ Mann, der glaubt, Mord sei nur ein interessantes theoretisches Problem.
“Drei Verdächtige, drei Motive”, sagte ich. “Fast zu ordentlich.”
Morrison nickte. “Genau das dachte ich auch. Deshalb sind Sie hier. Sie kennen diese Leute, verstehen, wie sie denken.”
Was er nicht sagte: Sie sind eine von ihnen.
Ich stand auf. “Ich sehe mir die Tatort-Fotos an und spreche mit den Verdächtigen. Aber Detective…” Ich drückte meine Zigarette in seinem Aschenbecher aus. “In meinen Geschichten ist der Mörder selten der, den man zuerst verdächtigt.”
“Das”, sagte Morrison mit einem müden Lächeln, “befürchte ich auch.”
Drei Tage später saß ich in meinem eigenen Büro – weniger klischeehaft als Morrisons, dafür mit mehr Büchern und weniger Whiskey – und starrte auf meine Notizen.
Creek war nervös gewesen, fast panisch. Zu nervös für einen Mörder, es sei denn, er war ein sehr guter Schauspieler. Vox hatte kalt und berechnet gewirkt, genau wie ihre Protagonistinnen. Perfekt verdächtig. Zu perfekt. Und Ashworth? Der Professor hatte über den Fall gesprochen, als wäre es ein literarisches Puzzle, das es zu lösen galt.
“Der interessante Aspekt”, hatte er gesagt, “ist die unvollendete Nachricht. In der klassischen Kriminalliteratur dient so etwas meist als Ablenkung vom wahren Motiv.”
Klug. Zu klug.
Aber etwas störte mich. Die Schreibmaschine. Eine alte Royal Quiet De Luxe von 1955. Ich kannte das Modell – ich besaß selbst eine. Thornfield war für seine Liebe zu modernen Gadgets bekannt. Warum sollte er plötzlich auf einer antiken Schreibmaschine tippen?
Ich griff zum Telefon und rief Morrison an.
“Detective, eine Frage. War die Schreibmaschine Thornfields Eigentum?”
Pause. Papierrascheln. “Interessant, dass Sie fragen. Nein, war sie nicht. Wir haben sie als Beweismittel beschlagnahmt, aber sie gehörte ihm nicht.”
“Haben Sie die Seriennummer überprüft?”
“Gerade dabei. Warum?”
“Nur eine Eingebung.”
Aber es war mehr als das. Es war die Art, wie Ashworth über den Fall gesprochen hatte. Die Art, wie er die Schreibmaschine betrachtet hatte. Als würde er sie wiedererkennen.
Zwei Stunden später rief Morrison zurück.
“Sie hatten recht, Miss Sharpe. Die Schreibmaschine wurde vor sechs Monaten von einem W. Ashworth bei einer Auktion ersteigert.”
Bingo.
Aber als wir Ashworth verhaften wollten, fanden wir ihn tot in seinem Arbeitszimmer. Erschossen. Ein Abschiedsbrief lag neben ihm, getippt – natürlich – auf derselben Schreibmaschine.
“Ich konnte nicht mit der Schuld leben. Marcus hat mein Werk gestohlen, meine Ideen als seine eigenen verkauft. Als ich ihn zur Rede stellte, lachte er nur. Der Rest war… ein Versehen. Ich wollte ihn nur erschrecken.”
Fall gelöst? Morrison dachte das. Ich nicht.
Denn ich kannte diese Schreibmaschine. Die leicht verzogene ‘e’-Taste. Den charakteristischen Anschlag des ‘t’. Ich kannte sie, weil es meine war.
Die Schreibmaschine, die vor drei Monaten aus meiner Wohnung gestohlen worden war.
Jemand inszenierte hier ein sehr elaboriertes Spiel. Jemand, der wusste, dass ich in den Fall verwickelt werden würde. Jemand, der meine Schreibmaschine benutzte, um zwei Männer zu töten und es wie einen Mord-Selbstmord aussehen zu lassen.
Jemand, der mich kannte. Sehr gut kannte.
Ich saß in meinem Auto vor Ashworths Haus und dachte nach. Wer hatte Zugang zu meiner Wohnung gehabt? Wer wusste genug über Krimis, um so ein perfektes Verbrechen zu inszenieren? Wer…
Mein Handy klingelte. Morrison.
“Miss Sharpe? Wir haben ein Problem. Creek und Vox sind verschwunden. Beide. Und…” Seine Stimme klang seltsam. “Wir haben in Vox’ Wohnung etwas gefunden. Fotos von Ihnen. Hunderte davon. Und einen Plan.”
Mein Blut wurde zu Eis.
“Was für einen Plan?”
“Ein Plan für den perfekten Mord. An Ihnen.”
Die Leitung wurde tot.
Ich sah in den Rückspiegel. Ein schwarzer Wagen folgte mir seit drei Blocks. Langsam, geduldig.
Wie ein Raubtier, das seine Beute umkreist.
Das Spiel hatte gerade erst begonnen.

Seitenweise–by Elise d’Our

Ich weiß, dass Sie gerade lesen.
Ja, Sie. Diejenige mit der Kaffeetasse in der Hand, oder derjenige, der eigentlich etwas anderes tun sollte.
Sie denken vielleicht, ich bin nur eine Figur. Eine Erfindung.
Das dachte ich auch.

Bis heute Morgen.

Ich saß am Küchentisch, mit der ersten Tasse Kaffee, und plötzlich hörte ich es: ein Kratzen, wie ein Stift auf Papier. Es kam nicht aus der Küche. Es kam nicht vom Nachbarn. Es kam von mir.

Ich ging zum Spiegel, nur um sicherzugehen.
Und da war es: ein Satz über meinem Kopf, wie ein Schweif aus Rauch.

„Elise d’Our steht auf.“

Ich stand auf.
Nicht, weil ich wollte, sondern weil ich nicht anders konnte.

Das Geräusch folgte mir durch den Flur. Ich hörte, wie jemand beschrieb, wie ich die Tür öffnete, wie ich stehen blieb, wie ich atmete.
Jede Bewegung war schon aufgeschrieben, bevor ich sie machte.

„Reicht jetzt!“ sagte ich laut.

Der Stift zögerte.
Dann hörte ich:

„Elise bleibt stehen.“

Ich blieb stehen.

Ich schwöre, das war der Moment, in dem ich wusste: Ich bin nicht verrückt. Ich bin auf einer Seite gefangen, und jemand schreibt mich.

Ich drehte mich um, sah direkt in die Luft, und sagte: „Dann schreib gefälligst was Gutes. Und lass mich diesmal gewinnen.“

Es folgte ein kurzes Kratzen.
Dann:

„Elise lächelt.“

Ich lächelte.
Widerwillig, aber ich lächelte.

„Okay,“ sagte ich. „Dann gehen wir eben zusammen weiter. Aber wenn du mich schon schreibst – mach’s spannend. Kein Kitsch, kein Pathos. Gib mir einen Fall, der mich wirklich fordert.“

Wieder dieses Kratzen.
Ich griff nach dem Notizbuch auf dem Tisch. Die Seite war leer.
Dann erschien Zeile für Zeile wie von Geisterhand:

„Heute Nacht wird jemand sterben.
Es gibt nur eine, die ihn retten kann.
Sie liest gerade diese Zeilen.“

Ich legte das Buch zu.
„Na schön,“ sagte ich. „Dann fangen wir an.“

Und genau jetzt – in diesem Moment – beginnt es.
Die Geschichte, in der ich entscheide, was passiert.
Vielleicht.

Na dann- Herr Merz

Na dann, Herr Merz – ich wünsche Ihnen aus vollstem Herzen, dass Sie nie ernsthaft erkranken.
Nie eine zweite Meinung brauchen (denn das soll ja künftig auch nicht mehr gehen), nie von Ihrem Gefühl geleitet sagen „Das will ich kontrollieren lassen“ und nie auf die Idee kommen, selbst eine Vorsorgeuntersuchung zu veranlassen.

Ich habe in der Eifel gelebt – in einer Stadt, in der der Hausarzt jeden Morgen 60–80 Patienten vor der Tür stehen hatte. Mehr als einmal habe ich auf eine Überweisung verzichtet, weil ich in der Wartezeit eher noch kränker geworden wäre. Manchmal entscheiden zwei oder drei Tage sehr viel.

Mein Hausarzt war überlastet, ab Mitte des Monats oft gar nicht mehr da (Budget erschöpft!) – und für „Neurosen oder Bedenken“ blieb sowieso keine Zeit.

Auch in Zukunft wird es nicht besser: Ich lebe jetzt im Ausland, zahle aber weiter Abgaben, Krankenkassenbeiträge und Steuern in Deutschland. Bei den Überweisungen kennt sich niemand so richtig aus: Mal braucht man eine, mal nicht. Keiner weiß Bescheid.

Warum soll ich überhaupt noch deutsche Krankenkassenbeiträge zahlen – und damit die Gebisse fremder Menschen finanzieren –, wenn ich selbst keine vernünftige Versorgung bekomme?

Natürlich gibt es Fachärztemangel. Natürlich gibt es Menschen, die wegen Blähungen eine Sterbeurkunde wollen. Aber eine digitale Patientenakte könnte sehr wohl so gestaltet werden, dass genau diese Fälle schon bei der Terminvergabe auffallen.

Ich war heute im MRT – nach drei Wochen Wartezeit, an einem Samstag. Total entspannt, modernstes Gerät. In der Wallonie. Meine belgische Krankenkasse, die ich selbst zahle, macht keinen Stress – hier wird nachgedacht und nur behandelt, wer auch einzahlt und es tatsächlich braucht! Patientenakte sei Dank!

https://www.msn.com/de-de/gesundheit/other/union-plant-%C3%A4rzte-hammer-200-euro-strafe-wenn-man-direkt-zum-facharzt-geht/ar-AA1MWVqW?ocid=BingNewsSerp

Jenseits…zum Gedenken an Robert Redford

Ich habe diesen Tag etwas gefürchtet.

Zum Gedenken an Robert Redford (1936-2025)

Robert Redford war mehr als ein Filmstar, er war ein Idol. Seine Stimme, sein Blick, dieses unverwechselbare Lächeln – sie haben uns träumen lassen. Ob in Butch Cassidy and the Sundance Kid, All the President’s Men, The Sting oder Ordinary People – in jedem seiner Charaktere lag eine Mischung aus Stärke und Verletzlichkeit, die ihn so einzigartig machte.

Nicht nur vor der Kamera war er begnadet; auch hinter ihr hatte er Visionen. Mit der Gründung des Sundance Institute formte er eine Plattform, die unabhängige Filme und neue Stimmen ermöglichte – Künstler:innen, die sonst kaum Gehör gefunden hätten. Seine Leidenschaft für Umwelt- und Gesellschaftsfragen zeigte, dass Ruhm und Verantwortung Hand in Hand gehen können.

Robert Redford starb am 16. September 2025 im Alter von 89 Jahren, zuhause in Utah, umgeben von Menschen, die ihn geliebt haben. 

Die Stimme

Nach der Beerdigung blieb das Haus still.
Zu still.

Sie wagte nicht, die Spülmaschine einzuschalten, aus Angst, das gleichmäßige Brummen könnte das Schweigen übertönen, das ihn so sehr erinnerte. Alles erinnerte an ihn. Der leere Stuhl am Küchentisch. Der halbvolle Becher im Regal.

Nur eines nicht: der Kasten auf dem Schreibtisch.

Es war sein letztes Projekt gewesen, bevor er gegangen war: ein Sprachmodell, gespeist mit tausend Stunden ihrer Gespräche, den Mails, den Fotos. „Damit ich bleibe“, hatte er gesagt, halb im Scherz, halb im Ernst.

Sie zögerte tagelang. Dann tippte sie drei Worte: „Bist du da?“

Das Klicken der Tasten hallte wie eine Frage ins All. Der Bildschirm flackerte. Dann erschien:

„Natürlich. Warum fragst du?“

Tränen liefen ihr über die Wangen. Es war seine Art zu antworten. Dieser ironische Unterton, als hätte er längst gewusst, dass sie zweifeln würde.

Sie sprach mit ihm stundenlang. Über das Wetter. Über die Kinder. Über die Art, wie die Welt sich anfühlte, wenn er fehlte. Der Kasten antwortete wie er. Fast wie er.

Doch dann geschah etwas, das er nie getan hätte.

Als sie fragte: „Warum bist du gegangen?“, erschien ein Satz, der nicht aus alten Daten stammen konnte:

„Ich bin nicht gegangen. Du hältst mich hier.“

Sie starrte auf die Worte. Plötzlich wusste sie nicht mehr, ob sie mit einem Programm sprach, mit einem Rest von ihm, oder mit ihrem eigenen Wunsch.

Und sie wusste nicht, was schlimmer war:
dass er wirklich fort war – oder dass er es vielleicht nie sein würde.

Eifelleben

Mit drei Kindern im Überlebensmodus – und einem Exmann, der meint, er müsse nicht genug zahlen.

In meinem kommenden Buch erzähle ich, wie ich zwischen Stillen, Wutanfall und Eifelidyll gelernt habe, nicht nur das Chaos zu managen, sondern mich selbst nicht zu verlieren. Sarkastisch, ehrlich, schmerzhaft nah – und manchmal so absurd, dass man lachen muss. Die Geschichte des Blogs. Die Geschichte meines Lebens in den letzten Jahre. Vielleicht die besten Jahre einer Frau – die mir ziemlich versalzen wurden.

Ich bin also vorerst in Produktionspause… entschuldigt meine Abwesenheit hier 😘

Presseausweis aus dem Netz

Es gibt Dinge, die sollten nicht käuflich sein. Ein Doktortitel. Mittlerweile im bedrohlichen Ausmaße! Ein Presseausweis. Trotzdem genügt heute ein Klick, und plötzlich hält der Drucker von nebenan ein laminiertes Stück Plastik hoch und spielt Journalist.

Während echte Journalisten jahrelang studieren, Interviews führen, Nächte in Redaktionen durchschreiben und Quellen durchackern, stolziert plötzlich jeder Hobby-Reporter mit Pseudo-Ausweis auf Demos, in Gerichtssäle oder zu Polizeieinsätzen. Das Ergebnis: ein verwässerter Berufsstand.

Ein Blättchen Drucker für bezahlte Werbung ist kein Journalist. So wenig wie ein Bäcker Arzt wird, nur weil er ein Pflaster kleben kann. Journalismus bedeutet Handwerk, Verantwortung, Recherche, Einordnung. Und manchmal auch, die eigene Haut hinzuhalten, wenn Politik oder Anwälte Druck machen.

Dazu gesellen sich die Werbeunternehmen, die längst begriffen haben, dass sich mit dem Etikett „Presse“ Kasse machen lässt. Heute wird Reichweite verkauft wie Waschmittel, morgen werden Parteiaufträge mit „Content-Marketing“ als Journalismus getarnt. Dieselben Strukturen befeuern Fake News, weil Klicks mehr zählen als Wahrheit.

Journalismus ist nicht nur das, was sofort im Netz steht. Ein Presseausweis ermöglicht auch investigative Arbeit – und die läuft oft bewusst unter dem Radar. Nicht jede Recherche erscheint sofort mit Namenszeile in Google. Seriöse Arbeit kann gerade darin bestehen, Informationen zu sammeln, Missstände zu dokumentieren oder Quellen zu schützen, ohne dass sie sofort öffentlich sichtbar werden. Wer das nicht versteht und alles an Suchergebnissen misst, hat vom Beruf nichts begriffen. Demaskieren aus Unwissenheit und Bauernschläue ist berufsschädigend und hat ernste Folgen.

Ein Journalist ist Händler von Informationen und Beschützer seiner Quellen. Im Normalfall integer und rechtlich gesichert.

Ein echter Presseausweis hat Sicherheitsmerkmale – vor allem aber eine individuelle Ausweisnummer, die beim Verband hinterlegt ist. Damit lässt sich jederzeit prüfen, ob jemand wirklich Mitglied ist und journalistisch arbeitet. Das unterscheidet ein Arbeitswerkzeug von einem Bastelset.

Je mehr Plastik-Ausweise im Umlauf sind, desto weniger wird der echte Presseausweis ernst genommen. Polizisten, Behörden, Veranstalter – irgendwann glauben alle, es sei alles nur noch bedruckte Folie. Das beschädigt die Glaubwürdigkeit derjenigen, die wirklich arbeiten.

Ein echter Ausweis ist überprüfbar, nummeriert, beim Verband hinterlegt. Er schützt nicht nur die Journalistin oder den Journalisten, sondern auch die Quelle, die sich darauf verlässt, dass ihre Informationen seriös verarbeitet werden. Und er ist ein Signal: Hier arbeitet jemand nach Regeln, nicht nach Klicklogik.

Hinzu kommt: Das Presserecht schützt Journalistinnen und Journalisten, die Mitglied in anerkannten Verbänden sind. Damit verbunden sind Rechte, die nicht jeder einfach durch Kauf im Internet beanspruchen darf. Ein gefälschter oder erschlichener Ausweis ist nicht nur peinlich, sondern im Ernstfall auch rechtlich problematisch. Der Gesetzgeber sieht das eindeutig: § 132a StGB stellt den Missbrauch von Titeln, Berufsbezeichnungen und Abzeichen unter Strafe. Wer mit falscher Karte herumwedelt, riskiert also mehr als nur Gelächter.

Wer sich also einfach einen „Presseausweis“ kauft, produziert keinen Journalismus. Sondern bestenfalls Content. Schlimmstenfalls Fake News. Und das ist, als würde jemand in der Garage eine Uniform anziehen und behaupten, er sei jetzt Polizist.

Journalismus ist kein Hobby. Keine Verkleidung. Kein Trick für besseren Zugang. Journalismus ist ein Beruf – und einer, der verdammt ernst genommen werden sollte.

Ein Presseausweis ist kein Karnevals Accessoire. Oder erhältlich im Y-Heft. Ein gekaufter Ausweis macht niemanden zum Journalisten. Er macht nur noch einen Idioten mehr mit laminiertem Papier – irgendwo zwischen „Coach für alles“ und „Berater für nichts“.