Die Welt steht in Flammen, aber wir haben endlich das wirklich Wichtige gefunden: Deepfake und virtuelle Vergewaltigung !
Es droht – gefühlt jeden zweiten Dienstag – der dritte Weltkrieg, in deutschen Städten wird gestochen, geprügelt, vergewaltigt, aber pünktlich vor der nächsten Wahl entdecken wir ein Thema, das garantiert niemandem körperlich weh tut, dafür aber maximal empört: Deepfake.
Klingt ja auch gleich nach Netflix-Doku und moralischem Höhenflug mit Gutmensch- Einsatz.
Eine Schauspielerin wirft ihrem Exmann „virtuelle sexuelle Gewalt“ vor. Ein Satz, der so modern ist, dass er wahrscheinlich noch warm aus der PR-Agentur kommt. Und irgendwo sitzt eine Redaktion, reibt sich die Hände und denkt: Endlich! Ein Skandal ohne Tatort, ohne Beweise, ohne Blut – aber mit maximaler Klickrate.
Früher, ganz früher, also in dieser dunklen Vorzeit namens 90er, da hieß das übrigens einfach Photoshop.
Damals wurden Promis auf Titelseiten wild zusammenmontiert, auseinandergerissen, schwanger gemacht und wieder verlassen – alles zwischen zwei Werbeanzeigen für Haarspray und Diätpulver. Bravo, Blitz-Illu und Konsorten haben ganze Lebensläufe erfunden, und das Einzige, was dabei wirklich gelitten hat, war der gesunde Menschenverstand.
Heute nennt man es Deepfake und tut so, als hätte man gerade den Teufel persönlich entdeckt.
Ein C-Promi, frisch aus dem Rebranding-Baukasten gefallen, erklärt uns jetzt also die digitale Apokalypse. Man fragt sich unweigerlich: Hat in den 90ern niemand Zeitung gelesen? Oder wurde da einfach noch weniger geheuchelt?
Natürlich, Technologie ist schneller geworden. Besser. Perfider. Geschenkt.
Aber diese plötzliche, flächendeckende Empörung wirkt ein bisschen wie ein Rauchmelder, der nur dann angeht, wenn jemand einen Toast verbrennt – während nebenan das Haus abbrennt und alle sagen: „Psst, wir diskutieren gerade die Kruste.“
Das eigentlich Beeindruckende ist nämlich nicht der Deepfake.
Es ist unsere Prioritätensetzung.
Wie elegant wir uns in virtuelle Empörung flüchten, während die Realität draußen ungebeten an die Tür klopft. Wie laut wir werden, wenn es um digitale Grenzverletzungen geht – und wie erstaunlich leise es manchmal bleibt, wenn es um echte geht.
Vielleicht, weil Pixel sich leichter aushalten lassen als Wirklichkeit.
Vielleicht, weil man einen Deepfake wegklicken kann.
Oder vielleicht, weil es einfach angenehmer ist, sich über einen künstlichen Skandal aufzuregen, als sich mit echten Problemen zu beschäftigen, die keine Filter kennen.
Aber keine Sorge.
Solange wir uns ernsthaft darüber streiten, ob ein zusammengeschnittenes Video Gefühle verletzt hat, bleibt die Welt draußen schön unscharf und unwirklich.
Und unscharf ist ja bekanntlich das neue Wegsehen.