Es ist wieder so weit: Ein Politiker entdeckt das Internet. Diesmal ist es Friedrich Merz himself, der der digitalen Gewalt den Kampf ansagt. Ein großes Wort, geschniegelt genug für jede Talkshow. „Wir müssen härter gegen digitale Gewalt vorgehen.“ Klingt entschlossen. Klingt nach: Da passiert jetzt was!
Die Frage ist nur: was genau – und bei wem?
Digitale Gewalt ist ein dankbarer Gegner. Kein Gesicht, keine klare Grenze, wunderbar dehnbar. Ein schiefer Kommentar, ein genervter Post, ein Satz ohne Schleifchen – alles schnell im gleichen Topf. Praktisch, wenn man gern ankündigt.
Und dann kommt die Umsetzung. Wer entscheidet, was noch Meinung ist und was schon Gewalt? Der Staat? Plattformen? Algorithmen, die Ironie zuverlässig als Straftat lesen und echte Drohungen gern übersehen, solange sie höflich formuliert sind?
Am Ende passiert oft etwas ganz anderes als angekündigt.
Da sitzt jemand zuhause, schreibt seine Meinung raus – ungefiltert, manchmal drüber, manchmal einfach nur altmodisch direkt. Zack. Greifbar. Name, Adresse, Verfahren. Läuft. Das kann man zeigen, das kann man zählen.
Und genau da kippt es.
Man geht dahin, wo es einfach ist.
Während draußen die Dinge laufen, die sich nicht so elegant regeln lassen. Echte Gewalt, echter Ärger, echte Eskalation. Auf der Straße, im Alltag, ohne Kommentarspalte. Kompliziert, personalintensiv, unerquicklich. Da reicht kein Gesetz mit hübschem Titel.
Digitale Gewalt bekämpfen klingt modern.
Analoge Gewalt bekämpfen ist Arbeit.
Erziehung verbessern dauert Jahre.
Und dann stehen sie da: die Falschen im Fokus. Die, die greifbar sind. Die, die man ohne großen Aufwand zum Beispiel machen kann. Nicht, weil sie das größte Problem sind – sondern weil sie das einfachste sind.
Also macht man das, was schnell wirkt – zumindest auf dem Papier.
Natürlich braucht es Regeln. Drohungen, gezieltes Fertigmachen – das gehört verfolgt, ohne Diskussion.
Aber wenn Härte vor allem dort gezeigt wird, wo es bequem ist, und Zurückhaltung dort herrscht, wo es schwierig wird, dann bleibt ein schales Gefühl.
Dann wirkt das Ganze nicht wie Gerechtigkeit.
Sondern wie ein sauber formulierter Plan, der an der falschen Stelle greift – und genau deshalb so gut funktioniert.
Es braucht Regeln, klare Regeln, Erziehung und Konsequenz, aber bitte nicht unüberlegt. Einheitlich und kulturell ungebunden… und ich fürchte da wird es nicht mehr machbar sein.
Übrigens muss Deutschland dringend darüber nachdenken, wie sein Bild ins Ausland projektiert wird… ohne Worte 😶