Es gibt Autoren, die schreibt man auf eine Liste. „Mal lesen, wenn Zeit ist.“
Und dann gibt es Harlan Coben. Der schreibt dich auf eine Liste. „Schlaf wird überbewertet.“
Ich weiß nicht, wie er das macht, aber Coben hat dieses Talent, ganz normale Leben so aussehen zu lassen, als hätten sie irgendwo hinten im Abstellraum ein Geheimfach. Du startest harmlos: Familie, Job, ein bisschen Vergangenheit, bisschen Gegenwart, alles geschniegelt. Und dann kommt ein Satz, so unscheinbar wie ein Kassenbon im Mantel – und plötzlich stimmt gar nichts mehr. Nicht die Ehe. Nicht der beste Freund. Nicht die Erinnerung. Vor allem nicht die Erinnerung.
Was ich an ihm mag: Er übertreibt nicht. Er braucht kein dauerndes Blaulicht, keine pseudocoolen Ermittler, keine Großstadtromantik. Er nimmt den Alltag und dreht ihn so, dass du dich fragst, ob du deinen Nachbarn wirklich kennst – oder ob der nur gut grüßt. Coben kann Paranoia in Küchenlicht.
Und ja, er kann Tempo. Aber nicht dieses hektische „und dann und dann und dann“-Tempo, sondern Druck. Dieser Druck, der entsteht, wenn jemand in einem Gespräch eine halbe Sekunde zu spät antwortet. Wenn ein Detail nicht passt. Wenn ein Foto zu sauber ist. Wenn du merkst: Da hat jemand sein Leben nicht verloren – da hat es jemand ordentlich zusammengefaltet und in eine Schublade gelegt.
Seine Plots sind wie diese billigen Puzzle aus dem Discounter, die man unterschätzt. Erst denkt man: ach komm, krieg ich hin. Und zwei Stunden später sitzt man da, gereizt, fasziniert, und sieht plötzlich, dass ein Teil die ganze Zeit vor der Nase lag. Genau das ist sein Trick: Die Wendungen sind fies, aber nicht unfair. Du bist nicht betrogen – du bist nur kurz daran erinnert worden, dass du als Mensch sehr gern das glaubst, was bequem ist.
Und seine Figuren? Keine Superhelden, eher Leute mit „Ich hab alles im Griff“-Gesicht und „Ich hab gar nichts im Griff“-Innenleben. Die machen Fehler, weil sie Menschen sind. Und das ist der Punkt: Bei Coben ist das Böse nicht immer ein Monster. Manchmal ist es nur jemand, der zu lange geschwiegen hat. Oder jemand, der die Wahrheit „ein bisschen“ angepasst hat, bis sie sich anfühlt wie Wahrheit.
Wenn ich Coben lese, passiert jedes Mal dasselbe: Ich nehme mir vor, nur kurz reinzuschauen. Und dann sitze ich da wie eine erwachsene Person mit Selbstkontrolle von einem Goldfisch und denke: „Okay, noch ein Kapitel.“
Und dann ist es plötzlich 1:37 Uhr, der Tee ist kalt, und ich bin emotional mit einem Plot verheiratet, der mich nicht mal nett fragt.
Harlan Coben ist nicht einfach spannend. Er ist dieses spezielle Spannend, bei dem du dich gleichzeitig unterhalten und leicht persönlich angegriffen fühlst – weil du merkst, wie schnell ein „normales Leben“ kippen kann, wenn jemand an der richtigen Stelle dran zieht.
Und ja: Ich liebe das.