In meiner Heimatstadt gab es eine Bibliothek. Eine echte. Keine „Lese-Lounge“ mit Kaffeeduft und Achtsamkeitskissen, sondern Regale, Ruhe, und dieses Gefühl, dass man hier entweder schlauer wird – oder wenigstens still.
Ich war eingeschriebenes Mitglied. Mit Ausweis, Stempel, Ernsthaftigkeit. Und ich habe genau das gemacht, was Erwachsene Kindern immer predigen: Ich habe gelesen. Mich durch alles gefressen, was nach „Klassiker“ aussah. Kunstwälzer. Schinken. Bücher, die man nicht liest, sondern übersteht.
Mit fünfzehn war ich dann „aufgeklärt“. Nicht durch Aufklärungsunterricht mit Plakat und Glitzerkondom, sondern durch Anna Karenina und Krieg und Frieden. Tolstoi hat das für mich geregelt. Gründlich. Ohne Rücksicht auf Nerven.
Und jetzt mal ernsthaft: Wo war eigentlich die Altersgrenze?
Wo war der Moment, in dem jemand gesagt hätte: „Stop. Das ist ab 18. Dafür brauchen wir deinen Ausweis. Und eine Einverständniserklärung deiner Eltern, dass du emotional beschädigt werden darfst.“
Bei Filmen gibt’s FSK, bei Games Warnhinweise, bei allem möglichen eine Kennzeichnungspflicht. Aber bei Klassikern? Bei Büchern, in denen Menschen sich ruinieren, fremdgehen, sterben, sich moralisch zerlegen und nebenbei beweisen, dass das Leben selten so läuft, wie man es sich als Kind gedacht hat?
Da gab’s genau gar nichts.
Ich sehe mich noch am Tresen stehen: fünfzehn, motiviert, leicht größenwahnsinnig – und ich lege Krieg und Frieden hin. Dieses Ding machte nicht „Buch“, das machte WUMMS. Eher Möbelstück als Lektüre.
Die Bibliothekarin war eine nette kleine runde Frau. So eine, die nach Wärmflasche, Pfefferminztee und Ordnung im Kopf aussieht. Sie schaute auf den Stapel und sagte, völlig unbeeindruckt:
„Das ist aber dick!!!“
Das war’s. Das war die ganze Kontrolle. Kein „Bist du sicher?“ Kein „Das könnte dich verstören.“ Keine „Für dein Alter empfehle ich eher…“
Nur: Das ist aber dick.
Als wäre die einzige Gefahr an Tolstoi ein Bandscheibenvorfall.
Und natürlich ist genau das der Trick: Klassiker haben diesen Freifahrtschein. Sobald ein Buch alt genug ist, wird alles automatisch Bildung. Dann ist es nicht mehr „zu viel“, sondern „wertvoll“. Nicht „toxisch“, sondern „groß“. Nicht „verstörend“, sondern „zeitlos“.
Der Inhalt bleibt derselbe – nur das Etikett wird hübscher.
Vielleicht war das die eigentliche Freiheit damals: Ich durfte lesen, was ich wollte. Ohne Filter, ohne pädagogische Begleitmusik. Nur ich, der Text und dieses langsame, unangenehme Aha: Ach so. So sind Menschen also.
Tolstoi als Früherziehungs- Literaturprogramm.
Mit Stempel. Und einem freundlichen „Das ist aber dick!!!“.
Ich habe diese wichtigen Bücher irgendwo- nicht gerade versteckt, aber ich glaube meine Tochter hat die auch schon durch. Also Anna und Krieg und Frieden… sowas. Wenn es blutig sein darf: Der Medicus. Aber das war ihr dann zu langweilig. Simon Beckett ist gerade angesagt.
Aber andere Zeit, heutzutage.