Die deutsche Mediale Sorgfaltspflicht

Ich sitze hier in Ostbelgien, schaue rüber nach Deutschland – und denke mir bei den jüngsten KI-Fake-News-Nummern rund um den Öffentlich-Rechtlichen: wundert mich nicht. Nicht, weil da jemand im Keller an der großen Lügenmaschine kurbelt, sondern weil das System inzwischen so gebaut ist, dass so ein Ding irgendwann passieren musste.

Das Problem ist nicht „KI“. Das Problem ist Tempo, Eitelkeit und Bilderhunger. Alles muss sofort raus, am besten mit Wumms, am besten mit Belegvideo, am besten so, dass es sich anfühlt wie Wahrheit. Und genau da wird’s gefährlich: Bilder sind inzwischen keine Belege mehr, sondern Requisiten. Wenn’s ins Narrativ passt, wird’s genommen. Wenn die Kennzeichnung fehlt oder irgendwo klein im Eck verschwindet – tja, dann hast du den Salat. Und beim ÖRR ist die Fallhöhe eben nicht „ups“, sondern „ihr wollt Qualitätsinstanz sein – dann benehmt euch auch so“. Fehler passieren. Aber wer sich vom Publikum bezahlen lässt, weil er angeblich genauer arbeitet als alle anderen, kann sich nicht gleichzeitig leisten, bei der Grundlage zu schludern: Ist das echt oder ist das Theaterkulisse?

Was mich dabei viel mehr irritiert: Während Deutschland sich an solchen Themen festbeißt, hörst du in Belgien und Luxemburg im Alltagsrauschen vergleichsweise wenig über einzelne ICE-Zwischenfälle, Auffälligkeiten, Eskalationen – zumindest nicht in dieser Dauerbeschallung. Dabei gibt es in den USA genug Stoff, der objektiv Nachrichtenwert hat. Aber hier drüben kommt oft nur der grobe Rahmen an: „Trump fährt harte Linie“, Ende der Durchsage. Und dann geht’s weiter mit EU-Themen, Pendler-Realität, Energie, Kaufkraft, Innenpolitik. Punkt.

Und dann scrollst du weiter und Luxemburg so: „Wie gefährlich sind die Eifelvulkane vor Luxemburgs Haustür?“

Haustür. Nicht Europa. Nicht „Region“. Nicht „wir sitzen alle auf demselben Basalt“. Nein: Haustür.

Ich meine das nicht mal böse – ich finde es eher entlarvend ehrlich. Luxemburg ist klein, reich, geschniegelt, und es hat diese Mentalität von: Erst mal gucken, was das für uns konkret bedeutet. Für unser Grundstück. Für unseren Alltag. Für unsere Versicherungen. Das ist nicht Angst, das ist Ordnungssinn mit Maßband. Und irgendwo auch Nationalstolz – nur nicht der große Fahnen-Stolz, eher so der stille: Wir haben hier was aufgebaut, das bleibt bitte heil. Punkt.

In Deutschland dagegen wird oft schon beim Lesen der Überschrift ein Grundsatzkrieg draus. Da ist selbst ein Vulkan sofort Symbol, Systemfrage, Haltungstest. Erst wird die Empörung warmgelaufen, dann kommt die Einordnung – wenn überhaupt. Luxemburg macht’s anders: erst die Haustür, dann der Rest der Welt. Andere Denkweise, andere Prioritäten. Und Belgien? Belgien wirkt oft wie: Wir schauen mal, was die Nachbarn machen, und wenn’s wirklich wichtig wird, reden wir drüber – bis dahin gibt’s Fritten und Verwaltung.

Und genau deshalb wundert mich dieses KI-Fake-News-Durcheinander beim deutschen Öffentlich-Rechtlichen nicht. Weil hier alles gern groß, wichtig und „wir ordnen ein“ klingt – während die Basis, nämlich stimmen die Bilder überhaupt, manchmal behandelt wird wie Fußnote. Luxemburg würde da wahrscheinlich sehr luxemburgisch sagen: „Moment. Ist das echt? Und wenn ja: betrifft’s uns?“ Und ehrlich – manchmal wäre das die gesündere Reihenfolge.

Am Ende ist es vielleicht gar kein „Skandal“, sondern schlicht ein Symptom: Deutschland redet gern im Weltformat, Luxemburg misst erst mal die Haustür aus, Belgien zuckt mit den Schultern – und irgendwo dazwischen hat der ÖRR vergessen, dass Vertrauen nicht aus Haltung entsteht, sondern aus Sorgfalt.

2 Gedanken zu “Die deutsche Mediale Sorgfaltspflicht

  1. ich mag den vergleich, den ich dennoch nicht nachvollziehen kann. ich war nur 1 oder 2-mal in luxemburg als tagestrip. dabei kam es mir sehr nett, angenehm und pragmatisch vor. die weiter um sich greifende empörungskultur in deutschland verhindert sachliche auseinandersetzung mit problemstellungen. das ist ein echtes problem, eben das wirklich hauptproblem. statt ersmal zuzuhören, abzuwägen und zu prüfen, wird gleich weltanschaulich draufgeschlagen. je lauter, je besser. es widert mich an und verhindert echte lösungen.

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    1. Ja. Das kurioseste ist, ich habe tatsächlich wochenlang keine Ahnung gehabt was ICE in Amerika treibt bzw… wie schief das laufen soll. Ich wusste gar nicht was das genau ist. In Belgien ist es einfach beschrieben und pragmatisch. Wichtige Dinge sind, wenn ein Kindergarten einen neuen Spielplatz bekommt, oder Kinder landesweite Vorlesewettbewerbe gewinnen. 🙂

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