Die Turnstunde

Manchmal prägt dich Literatur nicht mit großen Sätzen über das Leben, sondern mit einem Detail, das sich wie ein Splitter festsetzt und Jahre später immer noch piekst, wenn du barfuß durchs Denken läufst.

Bei mir war das nicht „der Tod“ an sich. Es war ein Bild.

Ich hab das jahrelang Kafka zugeschrieben, weil es sich genauso anfühlt: kalt, absurd, unerbittlich. Aber es war Rilke. Und trotzdem ist es diese eine Szene, die mich als Teenager richtig erwischt hat.

Turnstunde. Turnhalle. Pflicht. Dieses Licht, das alles flach macht. Der Geruch nach Gummi, Schweiß, Deo – und dieses leise Wissen: Hier geht es nicht um Sport. Hier geht es um Bewertung. Um Ordnung. Um „funktionieren“.

Dann kippt es. Ein Junge ist tot. Kein großes Drama, kein Kino. Man trägt ihn weg, der Unterricht läuft weiter, irgendwo pfeift es fast schon automatisch, und am Ende kommt dieser Satz, halb geflüstert, als würde man eine Wahrheit verstecken müssen:

Ganz nackt … und an den Fußsohlen ist er versiegelt.

Versiegelt. Nicht zugedeckt. Nicht verbunden. Versiegelt, als wäre er ein Paket. Als wäre er ein Beweisstück. Als müsste man ihn abschließen, damit nichts mehr „entweicht“. Damit alles ordentlich bleibt.

Mich hat nicht nur der Tod verstört. Mich hat die Technik drumherum verstört. Diese Kälte. Diese Selbstverständlichkeit. Dieses „so ist das“. Und ausgerechnet die Fußsohlen – das Unheroische, das Menschliche, das, was dich trägt, was weggehen könnte – werden zum Ort des Siegels. Da ist keine Flucht mehr, nicht mal theoretisch.

Als Teenager habe ich das gelesen und plötzlich verstanden, ohne es erklären zu können: Man kann mitten im Alltag aus dem Leben fallen. Und die Welt macht trotzdem weiter. Pfeife. Reihe. Ordnung. Nächstes Gerät.

Dieses Bild ist hängen geblieben, weil es nicht schreit. Es stempelt.

Und genau das ist das Verstörende: Der Tod als Verwaltungsakt. Als kurzer Handgriff. Wachs auf den Fußsohlen.