Lächeln und Winken: Das Lieblingsprogramm der Ahnungslosen

Oder: Warum symbolische Solidarität unsere Gesellschaft in den Ruin treibt

Kennen Sie das? Da stehen Bauern mit ihren Traktoren auf der Straße, protestieren gegen Mercosur, und plötzlich sind alle solidarisch. Instagram-Stories mit grünen Herzen. „Ich stehe an eurer Seite!” Hashtags ohne Ende. Nur eine winzige Kleinigkeit fehlt: Das Verstehen, worum es eigentlich geht.

Willkommen in der Ära des professionellen Lächelns und Winkens – jener glorreichen Disziplin, in der man maximale Empörung mit minimalem Wissen kombiniert. Ein Programm, das wie geschaffen ist für Flachzangen und Hochstapler. Und nebenbei – ganz beiläufig – unsere Gesellschaft und Wirtschaft demontiert.

Die Kunst des qualifizierten Nichtwissens

Mercosur? Klar, irgendwas mit Handel und Südamerika. Schlecht für unsere Bauern, hat man gehört. Reicht doch, oder?

Falsch. Gewaltig falsch.

Denn während unsere landwirtschaftlichen Betriebe unter strengsten Umweltauflagen, Tierschutzstandards und bürokratischen Hürden produzieren – und nebenbei auch noch faire Löhne zahlen –, dürfen durch Mercosur Produkte auf unseren Markt, die unter Bedingungen entstanden sind, die wir hier zu Recht verboten haben. Massiver Pestizideinsatz? Check. Regenwald-Rodung? Kein Problem. Arbeitsrechte? Optional.

Aber hey, Hauptsache man hat mal nett gewunken und sich gut gefühlt. Mission Solidarität erfüllt, weiter zum nächsten Trend.

Erst verstehen, dann die Klappe aufmachen

Man kann nur für etwas einstehen, das man auch verstanden hat. Das ist keine Raketenwissenschaft, sondern simpler Anstand. Echte Grenzen setzen bedeutet nicht, irgendwo mitzuwinken, weil es gerade gut aussieht. Es bedeutet, sich die Mühe zu machen, Zusammenhänge zu durchdringen. Es bedeutet, unbequeme Fragen zu stellen. Es bedeutet, auch dann Position zu beziehen, wenn es nicht mehr trendig ist. Und es bedeutet vor allem, den Unterschied zu kennen zwischen echter Solidarität und Instagram-Aktivismus.

Aber das ist anstrengend. Das erfordert Lesen, Nachdenken, vielleicht sogar mal ein Gespräch mit einem echten Landwirt statt nur ein schnelles Selfie vor dessen Traktor.

Das Paradies der Hochstapler

Wissen Sie, wer sich über diese Kultur des oberflächlichen Beifalls am meisten freut? Hochstapler, Populisten und all jene, die von Ahnungslosigkeit profitieren.

Wenn niemand mehr fundiert widerspricht, wenn kritische Auseinandersetzung durch sympathisches Nicken ersetzt wird, dann haben wir ein Problem. Ein massives Problem. Denn dann können politische Entscheidungen durchgewunken werden, die bei genauerer Betrachtung katastrophal sind. Dann haben jene das Sagen, die am lautesten schreien – nicht die, die am besten argumentieren. Dann wird Bauchgefühl wichtiger als Faktenlage, und es gewinnt, wer am besten lächelt – nicht wer am meisten versteht.

Die Bauernproteste gegen Mercosur sind dabei nur ein Symptom. Ein besonders deutliches zwar, aber bei weitem nicht das einzige.

Wenn Solidarität zur hohlen Phrase wird

Echte Solidarität kostet etwas. Sie kostet Zeit, sie kostet Mühe, manchmal kostet sie auch Geld oder Komfort. Sie bedeutet, sich einzuarbeiten, Position zu beziehen und diese auch dann zu halten, wenn der Wind sich dreht.

Lächeln und Winken kostet nichts. Es ist die Discounter-Version von Engagement. Die Light-Variante von Zivilcourage. Der Instant-Kaffee unter den politischen Haltungen.

Und genau deshalb ist es so beliebt.

Aber während wir alle freundlich winken und uns gegenseitig versichern, wie toll wir alle sind, werden draußen echte Existenzen vernichtet. Bauernhöfe, die seit Generationen bestehen, geben auf. Nicht weil sie schlecht wirtschaften, sondern weil sie in einem System konkurrieren müssen, das ihnen mit der einen Hand Standards auferlegt und sie mit der anderen Hand gegen Billigkonkurrenz antreten lässt, die diese Standards ignorieren darf.

Die Rechnung kommt – garantiert

Hier die unbequeme Wahrheit: Eine Gesellschaft, die das fundierte Widersprechen verlernt hat, ist erledigt. Wirtschaftlich, politisch, kulturell.

Wenn wir uns daran gewöhnen, dass oberflächliches Verstehen ausreicht, dann treffen wir schlechte Entscheidungen – persönlich wie politisch. Dann fallen wir auf jeden Scharlatan rein, der halbwegs sympathisch rüberkommt. Dann verlieren wir die Fähigkeit, echte Probleme von gefühlten zu unterscheiden. Und dann geben wir unsere Zukunft in die Hände von Leuten, die gut performen – nicht gut denken.

Was tun? (Spoiler: Mehr als nur winken)

Die Lösung ist so einfach wie unbequem: Hört auf zu winken und fangt an zu verstehen.

Mercosur betrifft Sie? Dann lesen Sie das verdammte Abkommen. Oder zumindest eine fundierte Analyse davon. Sie wollen Bauern unterstützen? Dann kaufen Sie regional. Zahlen Sie faire Preise. Nicht nur wenn es gerade trendet. Sie haben eine Meinung? Großartig. Können Sie sie auch begründen? Ohne Youtube-Videos und Bauchgefühl?

Echtes Einstehen für sich und andere beginnt mit einem klaren Blick auf die Realität. Nicht mit einem Lächeln in die Kamera.


Die Bauern werden nicht durch Mercosur kaputtgemacht. Sie werden durch eine Gesellschaft kaputtgemacht, die zu bequem geworden ist, um noch echte Solidarität von performativer Betroffenheit zu unterscheiden.

Und wenn wir so weitermachen, werden wir bald alle merken: Lächeln und Winken macht nicht satt.

4 Gedanken zu “Lächeln und Winken: Das Lieblingsprogramm der Ahnungslosen

  1. Leider ist das ja aus meiner Sicht auch wieder so ein generelles Problem; sich positionieren, weil Mann/Frau sich dadurch Anerkennung erhofft; auf der richtigen Seite stehen, um Applaus zu bekommen. Auf ne Demo gehen, um zu den Guten zu gehören; aber nur solange es bequem ist. Sich aber mit den Hintergründen zu beschäftigen, scheint zu viel verlangt, verstehen wollen dauert zu lang, ist alles so schnelllebig und man will ja nicht verpassen, sich für die nächste „gute Sache“ einzusetzen.

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    1. So ist es- allerdings kommt es auf die Demo an. Aber genau darum gehts ja auch. Nicht nur DA sein, sondern seine Meinung halten und wenigstens etwas über seine Überzeugungen erzählen zu wissen…. Gruß 👋 aus Belgien. Wo es übrigens auch Demos gibt, nur anders…

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