Sechs Wochen Gas. Und dann? Politikversagen zum Raufdrehen

Man liest „Gas reicht nur noch sechs Wochen“ und soll bitte ruhig bleiben. Man soll auch ruhig bleiben, wenn im Auto „Ölstand kritisch“ blinkt. Das Auto fährt ja noch. Und genau das ist das Problem: „Fährt noch“ ist keine Strategie.

Ende Januar 2026 sind die deutschen Gasspeicher ungewöhnlich leer – grob um die mittleren 30 %. Daraus bastelt man diese „sechs Wochen“-Rechnung: Winterverbrauch gegen Speicherinhalt. Das ist kein Weltuntergangs-Countdown. Aber es ist ein ziemlich klares Warnsignal: Der Puffer ist dünn.

Und jetzt wird’s unerquicklich, weil man das nicht mehr mit Wetter wegwischen kann.

Der politische Kernfehler: Man hat den Sicherheitsabstand absichtlich kleiner gemacht

Man muss sich das einmal ohne Nebelmaschine anschauen:

Nach dem Schock 2022/23 hat man Speicherziele als Sicherheitsgurt eingeführt. Das war sinnvoll. Dann kam 2025 die Phase „Wir sind wieder entspannt“ – und die Ziele wurden gesenkt (je nach Speicher/Regelstufe auf Größenordnungen wie 70–80 % zum Start in die Heizsaison statt „so voll wie möglich“).

Das ist die Sorte Entscheidung, die auf dem Papier „Kosten sparen“ heißt und in der Praxis „Risiko nach hinten schieben“. Man spart nicht Geld – man spart Puffer. Und Puffer ist genau das, was man braucht, wenn:

der Winter kälter wird als geplant, der Weltmarkt dreht, LNG-Lieferungen teurer werden oder woanders hingehen, Infrastruktur/Timing nicht perfekt laufen, oder mehrere Dinge gleichzeitig passieren (was Krisen ja so sympathisch macht).

Wenn man gleichzeitig politisch auf Distanz zu russischem Gas geht und sich stärker auf den globalen LNG-Markt und europäische Flüsse verlässt, dann ist ein kleinerer Puffer keine „Normalisierung“. Das ist handwerklich schlechte Risikopolitik: Man macht sich abhängiger von einem nervösen Markt – und senkt die Reserve, die genau diese Nervosität abfedern soll.

Man kann das „optimistisch“ nennen. Oder realistischer: Politikversagen.

„Der Markt regelt“ – ja. Nur nicht zu deinen Gunsten.

Das Lieblingsargument lautet: Der Markt füllt Speicher schon, wenn es nötig ist.

Klar. Der Markt macht das, was sich lohnt. Wenn sich Auffüllen nicht lohnt, wird eben weniger aufgefüllt – bis es plötzlich doch nötig ist. Und dann wird’s nicht „geregelt“, dann wird’s teuer.

Das ist kein moralischer Vorwurf an „den Markt“. Das ist schlicht Mechanik. Wer Versorgungssicherheit will, baut eine Sicherung ein, die nicht davon abhängt, ob sich Vorsorge gerade „rechnet“. Und genau diese Sicherung hat man aufgeweicht.

Was heißt das realistisch für Heizung?

Erstmal die Panikfrage: Geht die Heizung kaputt, wenn weniger Gas kommt?

Nein. Das typische Problem ist nicht „kaputt“, sondern kalt oder teuer.

Gasnetze werden so betrieben, dass Druck stabil bleibt, so lange es geht. Wenn es wirklich kritisch würde, passiert das nicht in Form von „bei jedem kommt ein bisschen weniger“. Es gibt Prioritäten: Haushalte und kritische Einrichtungen werden möglichst geschont, größere Verbraucher sind eher steuerbar und werden zuerst gedrosselt.

Für man als Haushalt ist das realistische Szenario also:

Preisstress, Appelle, Unsicherheit – und im Extremfall Einschränkungen, aber nicht „Thermen sterben“, weil „weniger nachkommt“. Moderne Geräte gehen bei echten Versorgungsproblemen eher in Störung/Abschaltung, bevor sie Schaden nehmen. Nervig, ja. Totalschaden, normalerweise nein.

Und Stromanlagen? Blackout? Oder was?

Auch hier: Nicht Hollywood.

Gas hängt an Stromerzeugung (Gaskraftwerke) und in manchen Regionen an Fernwärme (KWK). Wenn Gas knapp oder brutal teuer wird, wird Gasstrom schneller zum Preistreiber. Dann steigt der Druck im System: Man muss anders disponieren, importieren, umschalten, drosseln. Das Netz „geht“ nicht einfach kaputt – aber es wird angespannter und teurer. Und Fernwärme kann regional ein Thema werden, wenn sie stark an gasbasierter Erzeugung hängt.

Das ist der realistische Teil: Nicht sofort dunkel – aber schneller ungemütlich.

Der böse Schluss, ohne Zuckerguss

Man kann über Putin, Boykott, Geopolitik und Moral diskutieren, bis man alt und gasfrei ist. Aber die nüchterne Rechnung bleibt:

Wenn man Risiken erhöht (Abhängigkeit vom Weltmarkt, Wetter, Lieferketten), dann erhöht man den Puffer. Man senkt ihn nicht.

Alles andere ist keine Energiepolitik.

Das ist ein Staat, der auf die Frage „Was ist der Plan?“ antwortet:

„Man wird schon irgendwie durchkommen.“

Und „irgendwie“ ist genau das Wort, das man ungern neben seiner Heizung stehen hat.

6 Gedanken zu “Sechs Wochen Gas. Und dann? Politikversagen zum Raufdrehen

      1. ich habe an dem letzten satz ernsthaft zweifel, wenn ich das tagesgeschehen in der politik betrachte. aber jedes volk hat die regierung, die es verdient, auch, wenn es nicht jedem gefällt.

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