Sieben Uhr. Espressokanne klappert. Jemand flucht auf Deutsch, dann auf Französisch, offenbar reicht eine Sprache nicht für ein Gaskocher-Ventil, das nicht will. Die Our läuft einfach weiter. Sie hat Wichtigeres zu tun.
Und dann, mitten im Lärm, dieser Moment, wenn man kurz aufblickt: Nebel hängt noch in den Bäumen am gegenüberliegenden Ufer, tief und grün, wie hingelegt. Das Wasser ist klar genug, dass man die Steine sieht, die es seit Jahrhunderten glattschleift, ohne Eile, ohne Publikum. Ein Reiher steht reglos im Schilf, unbeeindruckt vom ganzen Camping-Betrieb, als gehöre ihm das hier eigentlich, und er lasse uns nur aus Höflichkeit zu.
„Papa, ist das jetzt Belgien oder Deutschland?” – „Keine Ahnung, frag den Fluss.” Der Fluss antwortet nicht. Der Fluss antwortet nie. Muss er auch nicht, er ist einfach nur schön, und das reicht ihm offenbar.
Der Platz klingt wie ein Sprachkurs ohne Lehrer. Zwei Zelte weiter Niederländisch, „gezellig” fällt mindestens dreimal vor dem Frühstück. Am Sanitärgebäude Flämisch, das kein Wallone versteht, aber alle nicken höflich. Grundrauschen ist Französisch, dazwischen Englisch als Kompromisssprache, wenn’s schnell gehen muss. Deutsch taucht auf wie ein Gast, der sich erst spät zur Party traut.
Neun Uhr, Trapper-Programm. Die Kinder stehen da mit einer Ernsthaftigkeit, als ginge es um eine Erbschaft. Schatzsuche, Land Art, Hüttenbau, mitten im Wald, der so dicht ist, dass man nach fünf Minuten das Zeltdach nicht mehr sieht, nur noch Blätter, Licht, das sich durchschummelt, und irgendwo einen Specht, der pünktlicher arbeitet als jeder Wecker. Drei Stunden Stille im Elternbereich, die sich anfühlt wie ein unverdientes Geschenk.
Mittags die Wanderer, meist Niederländer, Rucksack größer als das Kind, das ihn trägt. Die Vennbahn zieht sich durch Wiesen, an denen nichts erklärt werden muss, weil die Hügel für sich sprechen, sanft und satt grün, wie aus einem Bilderbuch, das niemand extra retuschiert hat. Man versteht auf einmal, warum die Wanderer diesen missionarischen Blick haben. Die Landschaft macht einen tatsächlich ein bisschen andächtig, ob man will oder nicht.
Schwimmbad, beheizt. Jedes Kind springt rein und schreit trotzdem, egal in welcher Sprache, als wär’s Grönland – dabei liegt fünfzig Meter weiter der echte Fluss, kühl und ehrlich, ohne Chlor, und irgendwie schöner als jedes Becken, auch wenn ihn keiner so nennt.
Abends, Foodtruck-Pommes, das Licht wird golden über dem Wasser, genau die Stunde, in der selbst die lauteste Nachbarparzelle kurz leiser wird, weil alle merken: das hier, gerade jetzt, ist eigentlich der Grund, warum man herkommt. Der Grill qualmt, das Bier wechselt die imaginäre Grenze, irgendwo lacht ein Kind zu laut über nichts.
Und wenn es dunkel wird, ist es die Our, die den letzten Ton behält – leise, unbeirrt, uralt eigentlich, während drei Länder gleichzeitig einschlafen, ohne sich groß was draus zu machen. Man ist hier nirgendwo richtig zu Hause. Aber selten war Fremdsein so schön.






