Schreibtischleben

Draußen fällt der Schnee in dichten Flocken, die Straßen sind glatt und die Welt hat sich in ein unwirtliches Grau gehüllt. Drinnen knistert das Feuer im Ofen, und ich sitze hier – im Schlafanzug, die Haare ungekämmt, in einem Schlabberlook, der jeden Dresscode verhöhnt. Seit Tagen. Der Computer wirft sein bläuliches Licht auf mein Gesicht, und ich schreibe.

Es gibt einen Moment, in dem man versteht, warum John Irving einmal sagte, er wolle am Schreibtisch sterben. Nicht aus Morbidität, sondern weil dieser Ort – dieser unscheinbare Platz zwischen Tastatur und Bildschirm – der Ort ist, an dem man am lebendigsten ist. Wo die Welt draußen versinken kann in Schnee und Eis und Unbehagen, während man selbst in anderen Welten wandelt, Sätze formt, Gedanken jagt, die flüchtiger sind als Schneeflocken.

Der Schreibtisch als letzter Zufluchtsort. Als Festung gegen die Kälte. Als das Zentrum des eigenen Universums.

Man verliert das Zeitgefühl. Ist es Tag? Nacht? Mittwoch oder Samstag? Es spielt keine Rolle. Die Dusche wird optional, frische Kleidung eine unnötige Komplikation. Man wird zu einer Kreatur der Gewohnheit: Kaffee, Schreiben, ein hastiger Bissen zu essen, wieder Schreiben. Die Welt schrumpft auf diese wenigen Quadratmeter am Ofen, wo die Wärme des Feuers und die Hitze der eigenen Konzentration verschmelzen.

Und man ist nicht allein in diesem wunderbaren Wahnsinn. Irving hat es getan. Viele andere haben es getan. Tagelang, wochenlang in den eigenen vier Wänden versunken, getrieben von etwas, das größer ist als Bequemlichkeit oder soziale Konventionen. Es ist dieser unstillbare Drang, die Geschichten aus dem Kopf auf die Seite zu bringen, bevor sie verblassen. Bevor der Zauber bricht.

Das Feuer knistert. Ein beruhigendes Geräusch, fast wie ein Herzschlag. Es erinnert daran, dass man lebt, auch wenn man sich wie ein Eremit verhält. Der Schnee draußen isoliert, aber er befreit auch. Niemand erwartet, dass man hinausgeht. Niemand klingelt unangemeldet. Die Welt hat einen eine Auszeit gegeben, und man nimmt sie dankbar an.

Im Schlabberlook vorm Computer zu sitzen ist keine Schande – es ist ein Privileg. Es ist die pure, ungefilterte Version des Schreibens. Ohne Maske, ohne Fassade. Nur man selbst und die Worte. Und vielleicht, nur vielleicht, versteht man in solchen Momenten, was Irving meinte. Nicht dass man sterben will – sondern dass man genau hier, an diesem Ort, wo die Finger über die Tasten tanzen und das Feuer im Ofen brennt, vollkommen und ganz man selbst ist.

Wenn der Schnee schmilzt und die Welt wieder hereinbricht, wird man zurückkehren müssen. Sich duschen, anständig kleiden, unter Menschen gehen. Aber bis dahin: noch eine Tasse Kaffee, noch ein Kapitel, noch eine Nacht am erleuchteten Bildschirm.

Der Schreibtisch steht am Ofen. Das Feuer knistert. Und draußen schneit es weiter.

3 Gedanken zu “Schreibtischleben

  1. Ich sehe dich vor mir, wie du am Schreibtisch sitzt. Und weißt du was? Ich sitze dir gegenüber an genau dem gleichen Schreibtisch ebenso in Gemütlich-Klamotten wie du. Nur dass bei mir kein Kaminfeuer knistert sondern die Heizung leise klopft, wenn sie nachheizt.

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