Ich will Deine Leber essen

Ich hörte den Satz auf Farsi: „Jigaret_o bokhoram“ (جگرتو بخورم). Wörtlich übersetzt: „Ich will deine Leber essen.“ 😆 Erstaunt war ich – so, wie man erstaunt ist, wenn sich eine Tür öffnet, von der man nicht wusste, dass es sie gibt. Jemand sagte mir das, mit einem Lächeln, das eindeutig keine kulinarischen Absichten hatte, und ich stand da und dachte: einen Moment mal. Diesen Satz hatte ich schon mal gedacht. Nur anders herum, auf Deutsch, ohne zu wissen, dass es ihn irgendwo offiziell gibt.
Ich hatte mal zu jemandem gesagt: Liebe ist, ihn essen zu mögen. Kein kluger Satz. Er ist mir einfach passiert, in einem Moment, in dem ich etwas Wahres sagen wollte und nichts Elegantes zur Hand hatte. Die Person sah mich an, wie man jemanden ansieht, der gerade beiläufig über Kannibalismus nachgedacht hat. Ich hätte es erklären können. Habe ich nicht. Manche Sätze müssen erst reifen, bevor man für sie geradestehen kann.
Und jetzt, Jahre später, in einer ganz anderen Sprache, aus einem ganz anderen Mund, kommt mir derselbe Satz wieder entgegen – diesmal mit Jahrhunderten Tradition im Rücken. Ich war also keine Verrückte. Ich war, ohne es zu wissen, halb Perserin.
Die Leber als Thron
Im Deutschen sitzt die Liebe im Herzen, ordentlich, anatomisch zuständig, leicht kitschig. Im Persischen sitzt sie woanders: in der Leber. Jigar – Zentrum der Gefühle, der Vitalität, des Mutes, der Seele. Während das Herz im Westen brav pumpt und symbolisch herhält, ist die Leber im Iran das Organ, das tatsächlich etwas auszuhalten hat.
Vielleicht ist das der eigentliche Punkt: Liebe, die etwas wert ist, sitzt nicht im Herzen. Sie sitzt in der Leber – vernarbt, verarbeitet Gift, erholt sich trotzdem. Romantischer geht es kaum.
Und mitten in diesem Organkult steht der Satz, der mir an jenem Tag entgegenkam: „Jigaret_o bokhoram“ – ich möchte deine Leber essen. Eine Person steht vor einer anderen, lächelt, und sagt im Grunde: Ich habe vor, dein größtes inneres Organ zu verzehren. Es ist der liebevollste Satz der persischen Sprache und gleichzeitig, rein auf der Bildebene, der Beginn jedes schlechten Horrorfilms. Es gibt vermutlich keinen anderen Ausdruck auf der Welt, der so nah an „ich liebe dich“ und so nah an „ich bin ein Kannibale“ liegt, ohne dass irgendjemand darin einen Widerspruch sieht. 🤣
Ich stelle mir die allererste Übersetzung vor: ein Linguist, vermutlich 19. Jahrhundert, Monokel, Aktenkoffer, schreibt „Persische Liebeserklärung: Wunsch, die Leber des Partners zu konsumieren“ – und reicht das ein, ohne mit der Wimper zu zucken. Die Fußnote dazu hätte ich gerne gelesen.
Das Schöne daran: Je öfter man den Satz im Kopf wiederholt, desto absurder und desto zärtlicher wird er gleichzeitig. Jigaret_o bokhoram. Er klingt wie eine Drohung, eine Speisekarte und ein Heiratsantrag in einem Satz – und genau diese Kollision macht ihn so unwiderstehlich. Niemand, der ihn ernst meint, würde ihn leise sagen. Man brüllt ihn fast heraus, am besten mit einer Hand auf der Brust (oder, korrekterweise, etwas weiter unten rechts, da, wo die Leber tatsächlich sitzt).
Mein eigener Satz war also nicht falsch – nur in der falschen Sprache, zur falschen Zeit, am falschen Ort. Hätte ich damals „Jigaret_o bokhoram“ gesagt statt mit „Liebe ist, ihn essen zu mögen“ um die Ecke zu kommen, hätte man mir vermutlich einen Heiratsantrag unterstellt statt mich schräg anzusehen.
Eine Übersetzungshilfe aus dem Deutschen
Man muss dafür nicht mal nach Teheran reisen. Wer einem Baby zusieht und sagt „ich hab dich ja zum Fressen gern“, betreibt exakt dasselbe Manöver: Zuneigung, die so groß ist, dass sie die Form einer Drohung annehmen muss, um überhaupt Platz zu finden. Liebe, die explodiert, statt sich zu verhalten. Der Iran hat daraus nur eine ganze Grammatik gemacht.
Es gibt noch mehr von dieser Sorte, und ich liebe jede einzelne:
• „Moussh bokhoradet“ – möge eine Maus dich fressen. Sagt man zu etwas, das unfassbar niedlich ist.
• „Ghorbanat beram“ – möge ich mich für dich opfern. Alltagsfloskel, beiläufig wie ein „mach’s gut“.
• „Janam“ – meine Seele, mein Leben. Als Antwort, wenn jemand deinen Namen ruft.
Eine Sprache, in der man im Vorbeigehen anbietet, sich für jemanden zu opfern, ihn von Nagetieren verspeisen zu lassen oder ihn als die eigene Seele zu bezeichnen – und das alles, bevor der Kaffee kalt wird. Das Deutsche, im Vergleich, ist ein Pfadfinder mit Klemmbrett. Korrekt, verlässlich, ein bisschen verklemmt.
Die Versöhnung
Ich erzähle das nicht, um mich zu rechtfertigen – auch wenn es sich verdammt gut anfühlt, nachträglich recht zu bekommen. Ich erzähle es, weil mir etwas aufgefallen ist: Liebe greift offenbar in jeder Sprache zu denselben Mitteln, sobald die normalen Worte nicht mehr reichen. Sie wird kannibalisch, übertreibt maßlos, redet von Organen, Opfern, Seelen – weil „ich mag dich“ einfach zu klein ist für das, was tatsächlich passiert.
Mein alter Satz und der jahrhundertealte persische Ausdruck sind sich näher, als die geografische Distanz zwischen Deutschland und Iran vermuten lässt: beide greifen nach dem Körper, weil das Gefühl zu groß für die Sprache ist, beide klingen für Außenstehende leicht beunruhigend, und beide meinen am Ende dasselbe – du bist mir so wichtig, dass die normalen Wörter nicht reichen, also nehme ich die nächstgrößeren: Innereien, Nagetiere, die eigene Seele.
Falls also jemand jemals wieder komisch schaut, wenn ich sage, ich würde ihn am liebsten essen: Ich zeige ihm jetzt einfach diesen Text. Und vielleicht lerne ich dazu noch ein bisschen Farsi. Nicht aus Höflichkeit – aus Notwehr. Eine Sprache mit so viel Übertreibungs-Vokabular für Zuneigung sollte man im Repertoire haben, für den Fall, dass das Deutsche mal wieder zu nüchtern ist für das, was man eigentlich sagen will.
Jigaram. Meine Leber. So nenne ich jetzt vielleicht die Leute, die ich mag. Mal sehen, wer zuerst komisch schaut.

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