Gestern Abend, Tiergarten, Berlin. Ein Auto rast in eine Menschenmenge. Der CSD, gerade noch ein Fest, wird um 22:15 Uhr abgebrochen. Eine Frau stirbt, noch am Straßenrand, während um sie herum die Musik einfach weiterläuft, weil noch niemand weiß, was passiert ist. Sechzehn Menschen werden verletzt, drei davon lebensbedrohlich.
Ich lese die Nachricht auf dem Handy, zwischen Restaurant und Autofahrt. Mit der Zahnbürste im Mund mache ich den Fernseher an. Draußen bellt der Hund einen Traktor an.
Drinnen, auf dem Bildschirm, liegen Menschen auf einer Straße, die eben noch getanzt haben. Jemand hat noch Glitzer auf der Wange, als der Rettungswagen kommt.
Der CSD ist kein Nebenschauplatz. Er ist der eine Tag, an dem Sichtbarkeit keine Mutprobe sein soll. Hunderttausende waren da, um genau das zu feiern: dazugehören dürfen, ohne sich klein zu machen. Manche zum ersten Mal, Hand in Hand mit jemandem, vor dem sie sich sonst noch verstecken. Und dann fährt einer mit einem Auto in diese Selbstverständlichkeit.
Es geht nicht darum WER das war, sondern DASS er es war!
Ich habe keine Worte für so etwas. Nur das hier: irgendwo in Berlin sitzt heute Nacht jemand im Wartebereich einer Notaufnahme, in Kleidung, die für ein Fest gedacht war, und starrt auf eine Tür, hinter der operiert wird. Jemand anderes bekommt einen Anruf, den man nie bekommen will, und muss trotzdem noch die Adresse der Klinik richtig verstehen. Wieder andere kommen morgen nach Hause und erzählen es niemandem, weil sie selbst nicht wissen, wie man das erzählt.
Am Brandenburger Tor wird heute um 14 Uhr getrauert. Ich bin nicht da. Aber ich zünde hier, am anderen Ende der Karte, eine Kerze an. Manchmal ist das alles, was man an einem Sonntag zustande bringt – und es ist trotzdem nicht nichts.
Mein Beileid an alle Betroffenen, Angehörigen, Freunde. Es gibt keine Worte dafür.