Glen

Mein Herz blieb stehen, als ich die Nachricht las. Glen ist tot.

Glen, der sanfte Mann, den ich im Regen traf. Der Mann, der sein Leben damals der Musik gewidmet hatte. Der ohne Gitarre nirgendwo war. Es waren immer er, die Gitarre und die Musik.

Es riss mir ein Loch ins Herz.

Glen ist tot.

Er auf seinem Motorrad. Verunglückt. Tot. Einfach so. Ausgerechnet er !

Er liebte sein Motorrad. Er liebte das Fahren auf zwei Rädern, wie ein Kind – das wusste ich. Ich wusste das ändert sich nicht, obwohl ich ihn seit achtzehn Jahren nicht mehr getroffen hatte. Dazwischen lagen unser Leben und seine Musik.

Er war immer da, irgendwo als Melodie.

Immer, wenn ich einsam war. Wenn meine Entscheidung einen Ruck brauchte. Immer, wenn das Beste im Leben die Straße entlangging.

Er war anders, der bescheidene Oscar- Gewinner ohne Star- Allüren. Er war Ire. Er war stolz. Er war der Beste.

In loving memory – Glen Hansard

Ich habe dich geliebt.

Hundetränen

Mein Jagdhund ist ein sanftes, liebevolles Wesen. Er liebt alles, was klein und weich ist – sogar die Katzen. Mit ihnen wird geschmust, gespielt und neuerdings sogar erzählt. Dabei gibt er die kuriosesten Laute von sich …

Der andere Hund, eine betagte Boxerdame, hat aus Wut oder Eifersucht sein Lieblingsspielzeug zerfetzte: eine Quietschkuh namens Mayleen.

Bei dem Spielzeug, zeigte er eine Seite, die ich so noch nie erlebt hatte. Diese Kuh trug er seit seinem ersten Tag bei uns mit sich herum. Er liebte das Ding einfach.

Heute legte mir das nasse, vollgesabberte, zerrissene Bündel in den Schoß und fiepte leise. In seinen Augen standen tatsächlich Tränen.

Ich kann das Stofftier nicht mehr retten und versuchte ihm zu erklären, dass Mayleen nun gehen muss – in den Mülleimer. Seit über einer Stunde liegt er schmollend auf der Couch und heult leise vor sich hin.

Ich habe schon viele Hunde gehabt. Aber eine solche Trauer um ein Stofftier habe ich noch nie erlebt.

Zum Glück gibt es Mayleen noch zu kaufen. Amazon bietet sie inzwischen sogar im Set an – zusammen mit einem Donut und einem Plüsch-Hähnchenschenkel. Vielleicht bekommt unser (klein kann man ja nicht mehr sagen) Kerl seine geliebte Mayleen ja doch zurück. 🐾

Gestern

Der Mittelpunkt der Familie ging gestern. Mit fast 90 hat sie für immer ihre Augen geschlossen. Still, leise, wie ich sie kannte.

Nach Jahren hatte ich wieder gelernt, was es bedeutet, eine Familie zu haben, die aus Töchtern, Söhnen, Enkeln und jeder Menge Cousinen, Onkeln und Tanten besteht. Was eine große Familie eben ausmacht.

Ich habe selbst erlebt, dass, wenn das Oberhaupt stirbt, viel auseinanderbricht. Dinge sich lösen. Die Zeit gegen diese Strukturen arbeitet.

Diese Frau mochte ich sehr. Ihre klaren Ansagen und ihr verschmitzter, schlagfertiger Witz. Niemand widersprach ihr. Das war gut so.

Sie hinterlässt eine große Leere, die sich vorerst mit nichts mehr füllen lässt.

Deutsches Internet – warum eskaliert hier eigentlich jeder Käsekuchen

Ich habe ein kleines Hobby.

Ich beobachte Facebook-Gruppen.

Nicht die politischen. Das wäre ungefähr so entspannend wie barfuß durch ein Legofeld zu laufen.

Nein, ich meine die harmlosen Gruppen. Rezepte. Haustiere. Garten. Basteln.

Also die Orte, an denen man eigentlich denkt: Was soll da schon passieren?

Falsch gedacht.

Du postest stolz deinen selbst gebackenen Käsekuchen.

Der erste Kommentar:

„Das ist kein Käsekuchen.“

Der zweite:

„Früher konnten die Menschen wenigstens noch backen.“

Der dritte erklärt dir auf 43 Zeilen, warum deine Springform falsch ist, dein Ofen ungeeignet und deine Existenz vermutlich ebenfalls.

Herzlichen Glückwunsch. Du wolltest eigentlich nur dein Rezept teilen.

Dasselbe bei Hunden.

Jemand fragt:

“Mein Labrador kratzt sich. Hat jemand eine Idee?”

Keine zwei Minuten später diagnostizieren wildfremde Menschen Krebs, schlechte Erziehung, Tierquälerei und das Ende der westlichen Zivilisation.

Und irgendwo schreibt garantiert jemand:

„Dann solltest du dir keinen Hund anschaffen.“

Danke für diese wertvolle Expertise.

Ein Blick über die Grenze

Da ich auch in belgischen und französischsprachigen Gruppen unterwegs bin, fällt mir immer wieder etwas auf.

Natürlich wird dort auch diskutiert. Auch dort gibt es Besserwisser.

Aber erstaunlich oft lese ich stattdessen so etwas wie:

“Probier doch mal…”

“Bei mir hat das funktioniert.”

“Interessant – das kannte ich noch nicht.”

Man hilft.

Man ergänzt.

Man widerspricht sogar – aber ohne gleich den digitalen Flammenwerfer auszupacken.

Warum ist das so?

Vielleicht ist es gar keine Frage der Nationalität.

Vielleicht zieht Facebook genau die Kommentare nach oben, die Empörung auslösen.

Vielleicht sind manche Gruppen besser moderiert.

Oder vielleicht gibt es tatsächlich Kulturen, in denen man nicht automatisch glaubt, jede Diskussion gewinnen zu müssen.

Ich weiß es nicht.

Aber manchmal frage ich mich ernsthaft:

Wann wurde aus einer einfachen Frage ein Wettkampf darum, wer den anderen zuerst bloßstellen kann?

Willkommen im Expertenland

Deutschland scheint das einzige Land zu sein, in dem unter jedem Rezept mindestens fünf ausgebildete Sterneköche, drei Ernährungsberater, zwei Lebensmittelchemiker und ein selbst ernannter Brotsommelier auftauchen.

Und wehe, jemand schreibt Sahne statt Crème fraîche.

Dann wird diskutiert, bis der Kühlschrank abtaut.

Das eigentliche Problem

Es geht längst nicht mehr um Kuchen.

Oder Hunde.

Oder Tomaten.

Es geht um diese seltsame Lust, anderen zu zeigen, dass sie angeblich etwas falsch machen.

Manchmal habe ich den Eindruck, manche Menschen öffnen Facebook morgens nicht mit dem Gedanken:

“Mal sehen, was es Neues gibt.”

Sondern eher mit:

“Wen kann ich heute korrigieren?”

Was ist los ???

Vielleicht könnten wir einfach wieder etwas gelassener werden.

Nicht jeder falsch geschriebene Satz ist der Untergang der deutschen Sprache.

Nicht jedes Rezept ist ein Angriff auf die Kochkunst.

Nicht jeder Hundehalter braucht eine öffentliche Hinrichtung.

Und vielleicht – nur vielleicht – darf ein Käsekuchen einfach ein Käsekuchen sein.

Selbst wenn Oma ihn anders gebacken hätte.Das Wichtigste ist dabei: Wir sollten aufpassen, nicht denselben Fehler zu machen wie die Menschen, die wir kritisieren. Es gibt viele freundliche deutsche Gruppen – genauso wie es unfreundliche belgische oder französische Gruppen gibt. Der Beitrag lebt davon, dass er eine persönliche Beobachtung mit Ironie beschreibt, statt sie als allgemeingültige Wahrheit darzustellen.

Der Rest vom Glitzer

Gestern Abend, Tiergarten, Berlin. Ein Auto rast in eine Menschenmenge. Der CSD, gerade noch ein Fest, wird um 22:15 Uhr abgebrochen. Eine Frau stirbt, noch am Straßenrand, während um sie herum die Musik einfach weiterläuft, weil noch niemand weiß, was passiert ist. Sechzehn Menschen werden verletzt, drei davon lebensbedrohlich.
Ich lese die Nachricht auf dem Handy, zwischen Restaurant und Autofahrt. Mit der Zahnbürste im Mund mache ich den Fernseher an. Draußen bellt der Hund einen Traktor an.

Drinnen, auf dem Bildschirm, liegen Menschen auf einer Straße, die eben noch getanzt haben. Jemand hat noch Glitzer auf der Wange, als der Rettungswagen kommt.


Der CSD ist kein Nebenschauplatz. Er ist der eine Tag, an dem Sichtbarkeit keine Mutprobe sein soll. Hunderttausende waren da, um genau das zu feiern: dazugehören dürfen, ohne sich klein zu machen. Manche zum ersten Mal, Hand in Hand mit jemandem, vor dem sie sich sonst noch verstecken. Und dann fährt einer mit einem Auto in diese Selbstverständlichkeit.

Es geht nicht darum WER das war, sondern DASS er es war!


Ich habe keine Worte für so etwas. Nur das hier: irgendwo in Berlin sitzt heute Nacht jemand im Wartebereich einer Notaufnahme, in Kleidung, die für ein Fest gedacht war, und starrt auf eine Tür, hinter der operiert wird. Jemand anderes bekommt einen Anruf, den man nie bekommen will, und muss trotzdem noch die Adresse der Klinik richtig verstehen. Wieder andere kommen morgen nach Hause und erzählen es niemandem, weil sie selbst nicht wissen, wie man das erzählt.


Am Brandenburger Tor wird heute um 14 Uhr getrauert. Ich bin nicht da. Aber ich zünde hier, am anderen Ende der Karte, eine Kerze an. Manchmal ist das alles, was man an einem Sonntag zustande bringt – und es ist trotzdem nicht nichts.

Mein Beileid an alle Betroffenen, Angehörigen, Freunde. Es gibt keine Worte dafür.

Bewahrt

Eigentlich zeige ich gerne Fotos von hier.

Aber neuerdings mit Vorsicht und Bedacht. Es kommen nämlich Leute, die alles zumüllen, an nicht erlaubten Stellen angeln – zurzeit wegen des Wassermangels ohnehin verboten –, klauen, laut und unangenehm sind. Sie trampeln alles platt und schnüffeln überall herum.

Deswegen sind wir vorsichtiger geworden. Unser neuer Campingplatz ist ein Geheimtipp und bewahrt ein Stück Wildnis mitten im Naturpark.

Camper sind Menschen, die das verstehen. Sie klauen selten, nehmen ihren Müll immer wieder mit und respektieren die Natur. Dann ist das okay. Dann sind sie willkommen. Aber auch nur dann.

Fotos : privat Nikon

Drei Länder, ein Vorzelt

Sieben Uhr. Espressokanne klappert. Jemand flucht auf Deutsch, dann auf Französisch, offenbar reicht eine Sprache nicht für ein Gaskocher-Ventil, das nicht will. Die Our läuft einfach weiter. Sie hat Wichtigeres zu tun.

Und dann, mitten im Lärm, dieser Moment, wenn man kurz aufblickt: Nebel hängt noch in den Bäumen am gegenüberliegenden Ufer, tief und grün, wie hingelegt. Das Wasser ist klar genug, dass man die Steine sieht, die es seit Jahrhunderten glattschleift, ohne Eile, ohne Publikum. Ein Reiher steht reglos im Schilf, unbeeindruckt vom ganzen Camping-Betrieb, als gehöre ihm das hier eigentlich, und er lasse uns nur aus Höflichkeit zu.

„Papa, ist das jetzt Belgien oder Deutschland?” – „Keine Ahnung, frag den Fluss.” Der Fluss antwortet nicht. Der Fluss antwortet nie. Muss er auch nicht, er ist einfach nur schön, und das reicht ihm offenbar.

Der Platz klingt wie ein Sprachkurs ohne Lehrer. Zwei Zelte weiter Niederländisch, „gezellig” fällt mindestens dreimal vor dem Frühstück. Am Sanitärgebäude Flämisch, das kein Wallone versteht, aber alle nicken höflich. Grundrauschen ist Französisch, dazwischen Englisch als Kompromisssprache, wenn’s schnell gehen muss. Deutsch taucht auf wie ein Gast, der sich erst spät zur Party traut.

Neun Uhr, Trapper-Programm. Die Kinder stehen da mit einer Ernsthaftigkeit, als ginge es um eine Erbschaft. Schatzsuche, Land Art, Hüttenbau, mitten im Wald, der so dicht ist, dass man nach fünf Minuten das Zeltdach nicht mehr sieht, nur noch Blätter, Licht, das sich durchschummelt, und irgendwo einen Specht, der pünktlicher arbeitet als jeder Wecker. Drei Stunden Stille im Elternbereich, die sich anfühlt wie ein unverdientes Geschenk.

Mittags die Wanderer, meist Niederländer, Rucksack größer als das Kind, das ihn trägt. Die Vennbahn zieht sich durch Wiesen, an denen nichts erklärt werden muss, weil die Hügel für sich sprechen, sanft und satt grün, wie aus einem Bilderbuch, das niemand extra retuschiert hat. Man versteht auf einmal, warum die Wanderer diesen missionarischen Blick haben. Die Landschaft macht einen tatsächlich ein bisschen andächtig, ob man will oder nicht.

Schwimmbad, beheizt. Jedes Kind springt rein und schreit trotzdem, egal in welcher Sprache, als wär’s Grönland – dabei liegt fünfzig Meter weiter der echte Fluss, kühl und ehrlich, ohne Chlor, und irgendwie schöner als jedes Becken, auch wenn ihn keiner so nennt.

Abends, Foodtruck-Pommes, das Licht wird golden über dem Wasser, genau die Stunde, in der selbst die lauteste Nachbarparzelle kurz leiser wird, weil alle merken: das hier, gerade jetzt, ist eigentlich der Grund, warum man herkommt. Der Grill qualmt, das Bier wechselt die imaginäre Grenze, irgendwo lacht ein Kind zu laut über nichts.

Und wenn es dunkel wird, ist es die Our, die den letzten Ton behält – leise, unbeirrt, uralt eigentlich, während drei Länder gleichzeitig einschlafen, ohne sich groß was draus zu machen. Man ist hier nirgendwo richtig zu Hause. Aber selten war Fremdsein so schön.

Keine Lust auf das, was ich angefangen habe? Willkommen im Club.

Kennst du das?

Du bist voller Motivation. Du hast eine Idee, kaufst Material, meldest dich für einen Kurs an oder beginnst endlich das Projekt, das schon so lange in deinem Kopf herumspukt.

Und dann…

Ein paar Tage oder Wochen später ist die Luft raus.

Das angefangene Buch liegt auf dem Nachttisch. Die Häkelnadel verschwindet in der Schublade. Der Onlinekurs wartet seit Monaten auf Lektion drei. Und das Fitnessprogramm? Nun ja… wir reden lieber nicht darüber.

Früher habe ich gedacht, das bedeutet, ich hätte aufgegeben. Heute sehe ich das anders.

Nicht jede Idee ist für jede Lebensphase gemacht. Manchmal waren wir beim Start einfach jemand anderes. Manchmal war die Vorstellung schöner als die Realität. Und manchmal fehlt schlicht die Energie.

Wir leben in einer Welt, in der uns ständig erzählt wird: Zieh durch! Gib niemals auf! Erfolg kommt nur mit Disziplin!

Das stimmt nur zur Hälfte.

Denn manchmal ist das Mutigste nicht das Durchhalten, sondern das ehrliche Eingeständnis: Das passt gerade nicht mehr zu mir.

Etwas anzufangen war keine Zeitverschwendung. Du hast etwas gelernt. Du hast ausprobiert. Du hast herausgefunden, was dir eben doch keinen Spaß macht.

Auch das ist Fortschritt.

Vielleicht braucht dein Projekt einfach nur eine Pause. Vielleicht einen anderen Weg. Oder vielleicht darf es für immer in der Schublade bleiben.

Das ist kein Scheitern.

Wir dürfen unsere Meinung ändern. Unsere Interessen verändern sich. Unsere Prioritäten ebenfalls.

Ich habe aufgehört, mich dafür zu verurteilen.

Stattdessen frage ich mich heute:

„Macht mir das gerade wirklich Freude?“

Wenn die Antwort Nein lautet, ist das kein Grund für Schuldgefühle – sondern eine Einladung, ehrlich zu sich selbst zu sein.

Denn das Leben ist zu kurz, um sich ständig durch Dinge zu quälen, die einmal eine gute Idee waren.

Manchmal ist Loslassen der Anfang von etwas, das viel besser zu uns passt.

Am Ende

Es gibt einen Punkt, an dem “wir schaffen das schon” aufhört, ein Satz zu sein, und anfängt, eine Lüge zu sein.

Ich kenne den Punkt jetzt. Er sieht aus wie ein leeres Haus um sieben Uhr abends. Wie ein Teller, der kalt wird, weil noch jemand fehlt. Wie ein Kalender, der nur noch eine Farbe kennt.

Niemand hat sich das ausgesucht. Das will ich vorwegschicken, bevor mich jemand missversteht. Keiner hat morgens beschlossen: Heute opfere ich mein Leben für ein anderes. Es ist einfach passiert. Tag für Tag, Fahrt für Fahrt, bis aus einer Ausnahme ein Zustand wurde und aus dem Zustand ein Gefängnis, das keiner gebaut hat und aus dem trotzdem keiner mehr rauskommt.

Liebe ist der Grund, warum das alles begann. Das macht es nicht leichter. Im Gegenteil – es macht es fast unmöglich, etwas zu sagen. Wie stellt man sich hin und sagt: Ich sehe, dass du liebst, und trotzdem – hör auf, dich aufzuzehren? Wie sagt man das, ohne dass es klingt, als würde man die Liebe selbst infrage stellen?

Ich stelle sie nicht infrage. Ich stelle die Rechnung infrage.

Denn es gibt eine Rechnung, auch wenn keiner sie laut ausspricht. Wer fährt, wer schläft, wer trägt, wer wartet – das alles wird nirgendwo notiert, aber jeder im Haus kennt das Ergebnis. Und manchmal ist das Ergebnis: Es sind immer dieselben. Diejenigen, die am wenigsten davon haben, geben am meisten. Diejenigen, die am meisten davon hätten, kommen am Wochenende vorbei und nennen das Beitrag.

Ich habe lange gedacht, mein Job sei es, zu verstehen. Zu tragen, was nicht zu ändern ist. Geduldig zu sein mit der Erschöpfung eines Menschen, der etwas Gutes tut. Aber Verständnis ist kein Fass ohne Boden. Auch das habe ich gelernt.

Was mich wirklich erschreckt, ist nicht die Müdigkeit an sich. Es ist, dass sie sich normal anfühlt. Dass ein Haus, in dem keiner mehr lacht, weil keine Kraft mehr für Lachen übrig ist, irgendwann einfach der Alltag wird. Man gewöhnt sich an das Fehlen. Das ist das eigentlich Gefährliche daran.

Ich weiß, wovon ich rede. Ich habe selbst einmal einen Menschen begleitet, bis zum Ende. Ich weiß, wie sich das anfühlt – die Fahrten, die Nächte, das eigene Leben, das leiser wird, während man für einen anderen da ist. Ich war damals auch krank. Niemand hat das aufgefangen, ich habe es einfach getragen, weil man das eben tut.

Und genau deshalb weiß ich auch: Würde ich heute krank werden, würde er es nicht aushalten. Nicht aus Kälte. Aus Erschöpfung. Weil in ihm gerade kein Platz mehr ist für noch etwas, das ihn braucht. Das ist die bitterste Erkenntnis von allen – zu wissen, dass man selbst ausfallen könnte, und dass da niemand wäre, der einen auffängt, weil alle Kraft längst anderswo gebunden ist.

Ich will keine Anklage schreiben. Ich will keine Schuldigen benennen. Ich will nur, dass einer, der das liest, versteht: Es gibt einen Unterschied zwischen “wir schaffen das” und “wir gehen daran kaputt”. Und wenn eine Familie an etwas zerbricht, das eigentlich Liebe sein sollte, dann ist es Zeit, ehrlich hinzusehen. Nicht auf die, die zu wenig tun. Sondern auf uns – auf die, die zu viel geben und zu lange schweigen dabei.

Ich bin am Ende. Nicht mit der Liebe. Mit dem Schweigen darüber, was sie gerade kostet.

Dorf, Sweet Dorf

Wir hatten die elektronische Werbetafel, die sonst an einer Straße Richtung Luxemburg steht, zum Fernseher umgebaut, dazu das noch leere Kirmeszelt, belgisches Bier, Chips – und uns. Und wir waren „zusammen“, wie es eine Nachbarin auf den Punkt gebracht hat.

Kein Fremder kam dazu, kein Auto fuhr durchs Dorf. Wir waren unter uns – und gleichzeitig mit den 66.925 Zuschauern im Stadion. Jeder Einzelne rannte in Gedanken über den Platz, und jeder liebte Lukaku, den Helden des Abends.

Am Ende war es kalt. Wir saßen frierend da, im heißesten Sommer des Jahrhunderts, feierten im Zelt mit Strickjacken und waren einfach glücklich, genau dieses Dorf zu sein.