Ich glaube ich spinne…

Ich bin jemand, der Beweise braucht. Anfassbares. Horoskope scrolle ich weg, Schicksalsgläubige lächle ich höflich an und denke dabei an etwas anderes. So bin ich gestrickt.

Bis das hier passierte.


Seit etwa zwei Jahren schleppe ich ein halbfertiges Romandokument mit mir rum. Eher ein nächtliches Projekt, etwas für die Stunden, in denen die Realität zu wenig hergibt. Die Hauptfigur ist ein Mann. Ich habe ihm einen Namen gegeben, der sich einfach stimmig anfühlte – irgendwo zwischen ungewöhnlich und glaubwürdig. Dabei habe ich mir nichts weiter gedacht.

Dann habe ich ihm ein Gesicht gegeben. Eine Art innere Collage aus allem, was ich je an Männern optisch anziehend fand. Die Augen von dem einen. Der Mund von einem anderen. Diese bestimmte Ausstrahlung, die manche Männer haben – als hätten sie ihr Leben lang draußen gearbeitet, sehen aber trotzdem immer irgendwie zu gut aus. Ihr wisst, was ich meine, oder ihr wisst es eben.

Und dann habe ich ihm noch ein Auto gegeben. Meins. Das, was ich seit Jahren fahre – zu alt für Eindruck, zu charaktervoll zum Hergeben. Ich liebe mein Auto, auch wenn es zur Zeit nicht fahrbereit in der Garage steht.


Vor ein paar Wochen war ich auf einer Veranstaltung. Hauptsächlich wegen des Buffets, wenn ich ehrlich bin und weil man da immer nette Kontakte knüpft. Jemand stellt mir einen Mann vor.

Er nennt seinen Namen.

Ich stehe da und glaube, ich habe mich verhört. Als hätte mich der Blitz getroffen.

Hatte ich aber nicht. Da stand der Mann aus meinem Buch!

Er sieht aus wie diese Collage in meinem Kopf. Und ich meine das so präzise, wie es klingt. Als hätte jemand meine Beschreibungen gelesen und danach einen Menschen zusammengesetzt.

Ich habe in diesem Moment vermutlich geschaut, als sehe ich einen Geist, so dass er fragte, ob alles in Ordnung ist.

Okay. Zufälle passieren. Ich atme durch, nehme einen Schluck Wein.

Dann sehe ich ihn nochmal richtig an und starre eher, mit offenem Mund! Mein Mund zuckt versuche langsam wieder die Kontrolle zu bekommen.

Er sagt etwas und klingt so, wie er aussieht. Rockstar mit Timbres und Akzent. Unfassbar das hier!

„Du siehst aus wie jemand, den ich kenne”, sage ich.

Was technisch gesehen stimmte.


Später gehen wir raus. Wir gehen zu seinem Auto, er will seinen Pullover wegbringen.

Ich sehe es von weitem und bleibe stehen.

Gleiches Modell. Gleiche Farbe. Gleicher kleiner Kratzer an der Stoßstange, den ich bei meinem seit Jahren ignoriere.

Ich erzähle ihm alles. Den Roman, den Namen, die Collage, das Auto. Er schaut mich an wie jemanden, der entweder sehr überzeugend improvisiert oder gerade einen seltsamen Tag hinter sich hat.

„Du schreibst also einen Roman”, sagt er, „und ich bin eh- die Hauptfigur?”

„Du warst es zuerst”, sage ich.


Wir lachen.

Ich habe zuhause den Ordner wieder geöffnet.

Und ich schreibe weiter.

Ein Gedanke zu “Ich glaube ich spinne…

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