Manchmal braucht es im Leben keinen Lottogewinn. Man braucht nur ein 30 Jahre altes Garagentor, ein kleines Quad und einen Kostenvoranschlag aus Luxemburg.
Dann wird aus einer Delle nämlich ganz schnell ein kleines Renovierungsprojekt.
Unser Sohn ist mit dem Quad rückwärts gegen ein Garagentor gefahren. Ein spektakulärer Hollywood-Stunt. Aber kein Tor-Tsunami. Einfach rückwärts, rumms, Tor kaputt. Eigentlich eine Delle und ein Kratzer. Wie das zum Quad und seiner Anatomie passt, sei mal so hingestellt! Ein Mysteriöser Stunt also.
Blöd. Keine Frage.
Wir sind bereit, den tatsächlichen Schaden zu bezahlen. Schließlich gilt: Wer etwas kaputt macht, kommt dafür auf.
Nur hatten wir offenbar nicht damit gerechnet, dass „dafür aufkommen“ bedeutet:
„Bitte einmal komplette Garage neu.“
Der Kostenvoranschlag liegt bei knapp 4.600 Euro.
Für ein Garagentor, das nach unserer Kenntnis ungefähr 30 Jahre alt ist.
Und jetzt wird es interessant.
Denn offenbar ist nicht nur das Torblatt betroffen. Nein. Das alte Tor bekommt gleich das komplette Rundum-sorglos-Paket:
Neues Torblatt? Klar.
Neue Isolierung? Natürlich.
Neue Federpakete? Selbstverständlich.
Neuer Griff samt Rosette? Wenn wir schon dabei sind.
Man möchte nach drei Jahrzehnten schließlich nicht riskieren, dass das neue Tor mit einem alten Griff leben muss.
Ich stelle mir das Gespräch ungefähr so vor:
„Was ist passiert?“
„Das Garagentor wurde angefahren.“
„Oh.“
„Kein Problem. Wir machen einfach alles neu.“
Alles.
Ich hatte kurz überlegt, ob wir vielleicht auch noch die Garage streichen lassen sollten. Wenn schon, denn schon.
Und dann fiel mein Blick auf die Mehrwertsteuer.
Belgien.
Kostenvoranschlag aus Luxemburg.
Da dachte ich: Ach wunderbar. Ein kleines internationales Steuerseminar hatte ich mir für diesen Sommer sowieso noch gewünscht.
Was mich allerdings wirklich interessiert:
Was genau wurde durch den Unfall beschädigt?
Denn ein Kostenvoranschlag ist zunächst einmal ein Kostenvoranschlag. Er ist kein unabhängiges Gutachten und beantwortet nicht automatisch die Frage, welche Arbeiten tatsächlich notwendig sind.
Wenn ein 30 Jahre altes Tor eine Delle bekommt, kann es durchaus sein, dass mehr kaputt ist, als man auf einem Foto sieht. Natürlich.
Aber dann möchte ich bitte wissen, warum.
Warum müssen die Federn neu?
Warum muss die Isolierung neu?
Warum müssen Beschläge und Griff neu?
Und warum muss ausgerechnet ein 30 Jahre altes Tor plötzlich komplett ersetzt werden?
Denn eines möchte ich nicht finanzieren:
Eine Modernisierung, die zufällig mit einem Unfall beginnt.
Und jetzt kommt noch eine kleine Besonderheit dazu.
Der Herr, um dessen Garagentor es geht, ist aus unserem Dorf.
Man könnte also meinen, man setzt sich zusammen, redet miteinander und findet eine vernünftige Lösung.
Stattdessen legt man sich offenbar lieber mit mir persönlich an.
Und damit wird aus einem beschädigten Garagentor langsam eine Dorfsaga.
Denn in einem Dorf bleibt so etwas selten zwischen zwei Parteien. Schon gar nicht, wenn die Dorfjugend den Vorfall mitbekommt und sich geschlossen hinter unseren Sohn stellt.
Damit wird aus einem simplen Rumms plötzlich ein ausgewachsener Dorfkonflikt.
Und genau das ist eigentlich das Absurde daran.
Ein Garagentor kann man reparieren.
Einen Kostenvoranschlag kann man überprüfen.
Eine Rechnung kann man diskutieren.
Aber wenn man anfängt, die halbe Dorfjugend zu provozieren, wird es irgendwann schwierig, aus einer kleinen Sachbeschädigung wieder eine normale Angelegenheit zwischen zwei Menschen zu machen.
Der Dorffrieden ist schließlich auch ein Gut. Und der hat zum Glück noch keinen Kostenvoranschlag.
Ich habe nichts gegen neue Garagentore. Wirklich nicht. Ich gönne jedem ein schönes, funktionierendes Tor.
Aber wenn ich eines Tages beschließe, mein 30 Jahre altes Auto durch einen Neuwagen zu ersetzen, verlange ich von dem, der mir einen Kratzer reinmacht auch kein neues Auto !
Wobei.
Vielleicht ist das ja eine Marktlücke.
„Unfall gehabt? Kein Problem. Wir machen Ihnen daraus ein Upgrade.“
Das Quad fährt rückwärts.
Das Garagentor bekommt ein neues Leben.
Und wir bekommen eine Rechnung, bei der man kurz überlegt, ob man versehentlich eine komplette Garagentor-Wellnessanlage bestellt hat.
Natürlich werden wir den tatsächlich entstandenen Schaden bezahlen.
Aber eben den tatsächlichen Schaden.
Nicht automatisch alles, was auf einem Kostenvoranschlag steht.
Denn irgendwo zwischen „Delle im Tor“ und „komplette Erneuerung inklusive Rundum-sorglos-Paket“ liegt vermutlich die Wahrheit.
Und genau die würden wir jetzt ganz gerne kennenlernen.
Vielleicht mit einem zweiten Kostenvoranschlag.
Vielleicht mit einem Sachverständigen.
Und ganz vielleicht auch mit einem 30 Jahre alten Garagentor, das noch gar nicht vorhat, in Rente zu gehen.
Fortsetzung folgt.
Denn wenn ein Garagentor schon einen ganzen Dorfkrieg auslösen kann, möchte ich ehrlich gesagt gar nicht wissen, was passiert, wenn jemand irgendwann gegen den Briefkasten fährt. Falls das bei mir ist, ich will dann ein neues Haus!